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30
06
2018

ADN-Zentralbild TBD 5.7.1952 3. Leichtathletik-Meisterschaften der Deutschen Demokratischen Republik vom 2. bis 6.7.1952 im Ernst-Abbe-Sportfeld, Jena. Siegfried Hermann, Sportvereinigung Traktor, lief einen neuen DDR-Rekord 1952 im 1500 m Lauf mit 3:57,0 Min. - A115 - 6324-18 Leihweise ZentralBild - Herrmann-Siegfried-Bundesarchiv_Bild_183-15397-0014_Siegfried_Herrmann.

Siegfried Herrmann – mehr als nur ein großer Läufer (7) – „ZEITZEUGEN des Laufsports und der Leichtathletik“

By GRR 0
Das Projekt der German Road Races „ZEITZEUGEN des Laufsports und der Leichtathletik“ will ein Erinnerungsdenkmal setzen, damit die Erfolge der „Altvorderen“ wieder ins Gedächtnis gerufen werden. 

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Spätere Generationen sollen dadurch erfahren, wie die Sportarten entstanden und welche Entwicklungen nötig waren, wann, von wem und zu welchen Zeitpunkt und mit welchen Schwierigkeiten und gegen welche Widerstände gekämpft wurde, damit der Laufsport und die Leichtathletik sich entwickeln konnten.

Nach den Zeitzeugen Horst MILDE – Berlin  (1), Horst WICZYNSKI – Paderborn (2), Christoph KOPP – Berlin (3),  Katrin DÖRRE-HEINIG – Erbach (4), Konstanze Klosterhalfen  – Bonn (5) Rudolf Budweg (6) – Schortens – ist der nächste Zeitzeuge Siegfried Herrmann (7) – Halle.

„Ich nestelte an meinen Schnürsenkeln, so umständlich, wie nur möglich. Weil ich hoffte, Siegfried Herrmann würde derweil ungeduldig werden und endlich alleine loslaufen – zehn Kilometer lang, bei schneidendem Wind und unaufhörlichem Nieselregen.

Hinauf in die Dölauer Heide bei Halle, wo unser Trainer Ewald Mertens an einer rund sechshundert Meter langen Rundstrecke auf uns wartete. Zehn Kilometer Einlaufen mit Siegfried Herrmann, Mitte der 1950er Jahre – das war für die meisten unserer Trainingsgruppe die Läufer-Hölle schlechthin.
Also nestelte ich weiter an meinen amerikanischen Basketballschuhen, die mir Tante Maria aus ihrer schönen neuen Heimat Philadelphia ins vom Krieg zerstörte Halle geschickt hatte. Was ein Glück für die Familie, vor allem aber für sie, die von Lissabon aus gerade noch eines der letzten Schiffe gekriegt hatte, um vor den Nazis zu fliehen. 
An diesen Schuhen nestelte ich nun in unserem Athletenheim auf der Ziegelwiese herum, und Siegfried sah mir dabei amüsiert zu, um dann selbst Hand anzulegen.
Im Nu war ich laufbereit – und ab ging‘s. Und wie! Ewald Mertens hatte Siegfried, den Südthüringer aus Unterschönau, 1953 zu uns nach Halle geholt. Ein Laufverrückter, wie kein Zweiter! Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin war Mertens über 800 Meter sogar eine Runde weiter gekommen, als der legendäre Rudolf Harbig; als Trainer bastelte er in den 1950er Jahren erst in Halle, später in Erfurt an einer Läufergruppe, die damals – weltweit – ihresgleichen suchte.

Unter Mertens‘ Ägide trainierten Siegfried und dessen Bruder Hubert Herrmann, das Ehepaar Ulla und Rolf Donath, der „Milllimeterläufer“ Manfred Matuschewski, das begnadete Talent Jürgen May – und, und, und . . . 

Siegfried Herrmann stieg damals, in den Fünfzigern, ohne Internet, Massenmedien und Fernsehen, zu einem Idol auf. Warum auch nicht, der Mann lief immerhin zu acht DDR-Meistertiteln und 21 DDR-Rekorden. Eigentlich kam er vom Skilanglauf, doch er wusste, diese Sportart war für einfache Leute, noch dazu im zerbombten Nachkriegsdeutschland, viel zu teuer.
Also entschied er sich fürs Laufen – ohne Skibretter. Im Olympiajahr 1956, da war Siegfried gerade 23 Jahre alt, lief auf der ganzen weiten Welt niemand über 1500 Meter schneller als er.
Und so zog er für die seinerzeit noch gesamtdeutsche Mannschaft als Top-Favorit zu den Olympischen Spielen nach Melbourne. Wir, die daheim Gebliebenen, waren überzeugt, er würde mit einer Goldmedaille zurückkehren. Doch im Vorlauf, nach einer kurzen Rempelei mit dem australischen Favoriten John Landy, war Siegfrieds Traum vorbei: Achillessehenriss.
Für die Jüngeren: Damals bedeutete eine solche Verletzung in aller Regel das vorzeitige Karriere-Ende. Doch die australischen, und später die deutschen Ärzte, vollbrachten wahre Wunder! Siegfried konnte wieder laufen.
Schon im Dezember, als die Aschenbahn des halleschen Kurt-Wabbel-Stadions knüppelhart gefroren war. Aber wir trainierten trotzdem, jetzt schon unter Rolf Donath, der später, von 1980 bis 1990, Chef des Anti-Doping-Instituts der DDR in Kreischa war.
Unter Donath, der mir nicht ein einziges Mal eine Doping-Tablette oder eine entsprechende Spritze angeboten hatte, ackerten wir nach australischem und neuseeländischem Vorbild, und zwar in einem gnadenlosen Intervall-Programm: 300 Meter lange Tempoläufe, unterbrochen lediglich von einer 100 Meter kurzen Trabpause. Und was es da noch an Gemeinheiten gab.
Was mir in der – Erinnerung – noch schlimmer vorkommt, als Siegfrieds höllisches zehn Kilometer langes Einlaufen. 
Besonders der australische 800-Meter-Mann Peter Snell, „ein Mann ohne Grenzen“ nannte ihn die TIMES schon damals, hatte es Mertens und Donath angetan. Dabei hatten wir damals, ob in Sachsen-Anhalt oder in Thüringen, aber weder das Wetter, noch das Schuhwerk, um Snells Ideen richtig umsetzen zu können. Es war noch immer eine Zeit, in der es in erster Linie ums Überleben ging, nicht um Sport. Das galt als Firlefanz.
Irgendwann besaß ich trotzdem stocksteife schwarze Spikes aus der Tschechoslowakei – später standen in meinem Spind auf einmal – ungefragt – sogar ein Paar weiße Adidas-Schuhe, versehen mit auswechselbaren Dornen in verschiedenen Längen. 
 
Siegfried gehörte inzwischen schon zu jenen, die für Europameisterschaften und Olympische Spiele in  der Sportschule Kienbaum vorbereitet – und auch argwöhnisch beobachtet – wurden. Schließlich war der Stasi nicht entgangen, dass sich Herrmann und die hallesche Sprinterin Hannelore Raepke  – 1958 EM-Zweite über 200 Meter – besonders nahe gekommen waren. Also sorgte sie dafür, dass nicht beide gemeinsam bei Meetings im nicht-sozialistischen Ausland starteten. Die Fluchtgefahr schien ihr offensichtlich zu groß. Also musste einer der Beiden immer zu Hause bleiben – gewissermaßen als Faustpfand. 
 
Nach den Olympischen Spielen 1964 in Tokio kommt es dann trotzdem zum großen Knall. Siegfried hatte über 10 000 Meter nur Rang elf belegt; die Teamleitung wirft ihm daraufhin vor, er sei mit seinen Gedanken ganz woanders gewesen, wohl bei seinen Fluchtplänen in den Westen.
Wie zum Trotz startete Siegfried im August 1965 auf der Aschenbahn (!) im Erfurter Rieth einen erfolgreichen Weltrekord-Versuch über 3000 Meter: 7:46,0 Minuten. Nur drei Wochen später pulverisierte ein gewisser Kip Keino in Helsingborg diese Bestmarke mit fabelhaften 7:39,6 Minuten.

Herrmanns Ära als Läufer war vorbei.

Im Dezember 1989, die Berliner Mauer war gerade gefallen, rief mich der Geher Hartwig Gauder an. Er befände sich, mit den besten Grüßen seines Trainers  Siegfried Herrmann im Gepäck, auf dem Weg zu mir nach Hamburg.
Angekommen erzählte er mir, das während seines Moskauer Olympiasieges über 50 Kilometer sein Coach Siegfried Herrmann diese Distanz nebenher im Sauseschritt zurück gelegt habe, um ihn dann, von der Tribüne aus, auch noch zu fotografieren.
Damals war der 2017 Verstorbene bereits 48 Jahre alt. Irgendwann davor wollte mein englischer Freund, der „Guardian“-Reporter John Rodda, noch ein Buch über die beiden großen Mittelstreckler Roger Bannister und Siegfried Herrmann vorlegen. Doch John hatte nicht mehr die Kraft dazu, er starb 2009.
Aber seine Notizen sind noch immer vorhanden.
KLAUS BLUME

Wikipedia:

Am 5. August 1965 stellte Siegfried Herrmann in Erfurt mit der Zeit von 7:46,0 min einen Weltrekord im 3000-Meter-Lauf auf. 1966 gewann er die Silbermedaille der Europäischen Hallenspiele im 3000-Meter-Lauf.

Er wurde achtmal DDR-Meister: 1964, 1965 und 1966 im 5000-Meter-Lauf, 1966 im 10.000-Meter-Lauf, 1960 und 1961 im Kurzstrecken-Crosslauf sowie 1964 und 1966 im Langstrecken-Crosslauf. Von 1952 bis 1965 stellte er insgesamt 21 DDR-Rekorde im 800-Meter-Lauf, 1000-Meter-Lauf, 1500-Meter-Lauf, 3000-Meter-Lauf und 5000-Meter-Lauf auf. Siegfried Herrmann gehörte bis 1951 Rot-Weiß Unterschönau und dann von 1951 bis 1953 der Betriebssportgemeinschaft Traktor Unterschönau an. Dann wechselte er über den Sportverein Einheit-Mitte zum SC Chemie Halle und gehörte ab 1962 dem SC Turbine Erfurt an. In seiner Wettkampfzeit war Herrmann 1,76 m groß und 65 kg schwer. Sein Bruder Hubert Herrmann war 1954 DDR-Meister über 1500 Meter.

Einsätze bei internationalen Höhepunkten

1955, Welt-Studentenspiele: Platz 3 im 1500-Meter-Lauf (3:42,6 min)

1956, Olympische Spiele im 1500-Meter-Vorlauf verletzt aufgegeben

1958, Europameisterschaften: Platz 6 im 1500-Meter-Lauf (3:43,4 min)

1962, Europameisterschaften: Platz 7 im 5000-Meter-Lauf (14:05,0 min)

1964, Olympische Spiele: Platz 11 im 10.000-Meter-Lauf (29:27,0 min)

1966, Europäische Hallenspiele: Platz 2 im 3000-Meter-Lauf (7:57,2 min)

1966, Europameisterschaften: 5000-Meter-Vorlauf ausgeschieden

Quelle: Wikipedia

„ZEITZEUGEN des Laufsports und der Leichtathletik“: Horst MILDE – Berlin (1) – eine Initiative von German Road Races (GRR) e.V.

Horst Wiczynski – PADERBORN (2) -„ZEITZEUGEN des Laufsports und der Leichtathletik“: Eine Initiative von German Road Races (GRR) e.V.

Christoph KOPP – BERLIN (3) – „ZEITZEUGEN des Laufsports und der Leichtathletik“: Eine Initiative von German Road Races (GRR) e.V.

Katrin DÖRRE-HEINIG – ERBACH (4) – „ZEITZEUGEN des Laufsports und der Leichtathletik“

Konstanze Klosterhalfen (5) – „ZEITZEUGEN des Laufsports und der Leichtathletik“

Rudolf Budweg – (6) – „ZEITZEUGEN des Laufsports und der Leichtathletik“

author: GRR