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04
12
2018

383 der 450 abgegebenen Stimmen entfielen auf DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Foto: DOSB

Hörmann gewinnt DOSB-Wahl : „Ich halte ihn nicht für einen guten Präsidenten“ – Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

By GRR 0

Alfons Hörmann bleibt DOSB-Präsident. Doch er muss sich bei der Wiederwahl dem Triathlon-Chef stellen. Die Begründung seiner kurzfristigen Kandidatur lässt sich als Kritik am Amtsinhaber verstehen.

Das kam dann doch unerwartet: „Ich werde, lieber Herr Engelhardt, die Werte, die Sie eingefordert haben, mit dem Team herzlich gern umsetzen“, behauptete Alfons Hörmann nach seiner Wiederwahl zum Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), „und werde einen Stil pflegen, der von Transparenz und Offenheit geprägt ist.“

Martin Engelhardt, Mediziner und Präsident der Deutschen Triathlon-Union, hatte sich auf der Vollversammlung des deutschen Sports am Samstag in Düsseldorf kurzfristig zur geheimen Wahl gestellt und, praktisch aus dem Stand, 61 Stimmen erhalten, knapp fünfzehn Prozent der 450 abgegebenen.

Es sei dringlich notwendig, die teilweise destruktiven Auseinandersetzungen im Sport zu beenden, begründete er seine Kandidatur. Es gelte, Vertrauen und Verlässlichkeit aufzubauen, Brücken zu schlagen zu gemeinsamen Erfolgen, Teamarbeit und respektvolle Umgang zu etablieren und durch vorbildliches Verhalten Glaubwürdigkeit aufzubauen.

Jeder im Saal verstand die Nennung der Defizite als Kritik an Hörmann, selbst wenn er noch nicht davon gehört hatte, wie Hörmann im Sommer den 58 Jahre alten Chefarzt nach Kritik Engelhardts an dem Umgang mit einem Leitenden Mitarbeiter des DOSB in aller Öffentlichkeit abgekanzelt und tief verletzt hatte.

Engelhardt machte keinen Hehl daraus, dass sein Ziel nicht in erster Linie ein Wahlerfolg war, sondern die Lenkung der Aufmerksamkeit auf den Führungsstil Hörmanns und den damit verbundenen Konsequenzen: „Ich halte ihn nicht für einen guten Präsidenten. Es ist wichtig, dass die Führung des DOSB in Zeiten verfallender Werte Glaubwürdigkeit vorbildlich vorlebt.“

Engelhardt erklärte, dass er aus Sorge vor Angriffen keinen Wahlkampf geführt habe. Die Präsidenten von Fachverbänden, die er gebeten hatte, ihn vorzuschlagen, hätten aus Angst vor Repressionen abgelehnt. Eine Kandidatur ist nur auf Vorschlag eines Delegierten möglich.  Zwar erhielt Engelhardt einen deutlichen Applaus.

Doch 383 Stimmen, 85,11 Prozent, entfielen in der vom ehemaligen Innenminister Thomas de Maizière geleiteten Wahl dann auf Hörmann. Engelhardt erhielt 61. Auf die Frage, ob er die Wahl annehme, nahm sich Hörmann fünfzehn Sekunden Zeit, um ans Rednerpult zu schlendern und für den großartigen Vertrauensbeweis zu danken. Er werde „für Sportdeutschland“ weiterarbeiten, kündigte er an, wie er es bisher getan habe.

Neu ins Präsidium wurden anschließend als Vizepräsidentin für Leistungssport die ehemalige Hockeyspielerin und -trainerin Uschi Schmitz aus Köln und als Vizepräsident Wirtschaft und Finanzen der Berliner Unternehmer und Geschäftsführer des deutschen Meisters Berlin Volleys, Kaweh Niroomand, gewählt.

Andreas Silbersack, Präsident des Landessportbundes Sachsen-Anhalt, wurde für den Bereich Breitensport und Sportentwicklung gewählt.Bundesinnenminister Horst Seehofer hatte zuvor den alten und neuen Präsidenten gelobt, indem er in Anspielung auf die Aufstockung der Spitzensportförderung klagte: „Jede Zusammenkunft mit Ihnen ist teuer.“

Die Förderung wird im kommenden Jahr 235 Millionen Euro betragen – mehr als hundert Millionen Euro mehr als noch 2013.

Seehofer kann auch anders. Seine Klage über das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) war weder kokett noch ironisch. Beide hätten sich im Umgang mit dem staatlichen Doping in Russland und dem großen Betrug bei den Olympischen Winterspielen von Sotschi nicht mit Ruhm bekleckert, sagte er in seiner halbstündigen Rede, seiner ersten sportpolitischen Standortbestimmung, seit er vor acht Monaten mit seinem Amt auch die Zuständigkeit für die Spitzensportförderung durch den Bund übernommen hat.

Dies habe zu einem Vertrauensverlust in der Bevölkerung geführt. Schlimmer noch: „Wie sollen unsere Athleten verstehen, dass die Wada die nationale russische Anti-Doping-Agentur Rusada wieder zuließ, ohne dass diese die ursprünglich formulierten Voraussetzungen erfüllt hat.“

Es müsse das gemeinsame Bemühen sein, „unsere Athleten“ vor Doping und unfairem Wettbewerb zu schützen.So weit wollte Hörmann nicht gehen, sondern unterschied zwischen Außen- und Binnen-Wahrnehmung. „Es gibt Schlagzeilen, die uns wenig Freude machen und die im nationalen Kontext dazu führen, dass die Vision der fünf Ringe nicht immer so positiv und so von Sonnenschein begleitet ist, wie wir sie empfinden.“

Es falle nicht leicht, die richtigen Schlüsse aus dem zu ziehen, was im internationalen Kontext passiere, konstatierte er und zog diesen: „So oder so aber müssen sich die Dinge verbessern.“ Während Bilder von Fifa-Präsident Gianni Infantino, seinem Vorgänger Joseph Blatter und dem auf drei Kontinenten angeklagten Multifunktionär Scheich al Sabah aufschienen, drechselte dieser die Formulierung, dass einige wenige, besonders prominent wahrgenommene Personen sind, die im Grunde dafür stünden, dass es schwer wird, die Werte des Sports immer wieder zu vermitteln.„Wir brauchen eine strategische Neuausrichtung“

Seehofer beklagte, geradeaus, den Gigantismus der Olympischen Spiele und erwähnte die Aussicht, dass die Winterspiele von Peking 2022 „die teuersten Spiele aller Zeiten“ werden könnten, somit teurer als die Winterspiele von Sotschi, die – über allen verspielten Kredit hinaus – 50 Milliarden Dollar verschlungen haben sollen. Darüber hinaus kritisierte er die fehlende Nachnutzung vieler Olympia-Bauten und forderte die Berücksichtigung von Umwelt und Nachhaltigkeit beim Bau der Sportstätten.

Dies seien für viele Menschen entscheidende Faktoren, sagte er, „zu Recht“.Diese Haltung habe zur Ablehnung von Olympiabewerbungen geführt, auch in Deutschland. Sechs Bewerbungen deutscher Kommunen seien seit München 1972 gescheitert. Mehrmals habe er als Ministerpräsident Bayerns miterlebt, wie sich die Bevölkerung in Volksentscheiden gegen die Bewerbung um Winterspiele ausgesprochen habe.

Dies sei keine Anti-Haltung gegen Sport, gegen Großveranstaltungen oder gegen Wettbewerb: „Sondern es ist die Kommerzialisierung und der Gigantismus, der die Menschen gegenüber solchen Veranstaltungen so skeptisch macht“, sagte Seehofer und forderte: „Wir brauchen eine strategische Neuausrichtung. Wer sich um Großereignisse dieser Art bewerben will, muss den genannten Vorbehalten aktiv entgegenwirken.“

Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Sonnabend, dem 1. Dezember 2018

Michael Reinsch Korrespondent für Sport in Berlin.

author: GRR