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08
2019

Vorzeigefrau: Malaika Mihambo trägt zum deutschen Ergebnis bei. - Foto: Horst Milde

Fortschritt mit Frauen-Power – Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

By GRR 0

Bei der Team-Europameisterschaft der Leichtathleten in Polen wird die deutsche Auswahl noch Zweite. Die Mannschaft leidet unter dem Ausfall dreier Favoritinnen und einer Disqualifikation.

„Die Deutschen waren minimal schwächer als die Polen“, urteilte Claudine Vita nach dem ersten Wettbewerb. „Das kann man verstehen bei einer Europameisterschaft in Polen.“

Die Diskuswerferin aus Neubrandenburg sprach, nachdem sie ihren Wettbewerb mit 61,09 Meter gewonnen hatte, von der Stimmgewalt ihrer Unterstützer bei der Team-Europameisterschaft in Bydgoszcz. Doch auch sportlich schnitten die Gastgeber besser ab als Titelverteidiger Deutschland. Dabei hatte Julian Weber mit 86,86 Meter im Speerwurf, seinem weitesten Wurf des Jahres, für den zweiten Sieg zum Auftakt gesorgt.

Hindernis-Europameisterin Gesa Krause ließ am Samstag den dritten folgen. Weitspringerin Malaika Mihambo deklassierte die Konkurrenz und Kugelstoß-Mama Christina Schwanitz war im Ring nicht zu schlagen. Zudem lief Hanna Klein über 5000 Meter allen davon. Dank einer geballter Frauen-Power reichte es zum zweiten Platz deer Auswahl mit 317,5 Punkten hinter Polen (345). Frankreich wurde Dritter (316,5).

Dass die deutsche Mannschaft lediglich als Nummer fünf in die Wettbewerbe des Sonntags ging, lag auch am Ausfall dreier Favoritinnen und einer Disqualifikation. Die deutsche Stabhochsprung-Meisterin Lisa Ryzih schied ohne gültigen Versuch aus, als sie bei 4,21 Meter in den Wettbewerb einstieg. Die Eingangshöhe von 4,07 Meter hatte sie, selbstverständlich, sollte man meinen, ausgelassen.

Dreisprung-Meisterin Kristin Gierisch gab nach dem ersten Versuch wegen einer Verletzung auf; immerhin erreichte sie mit ihrer Weite von 13,91 Meter Platz sechs. „Im nächsten Leben werde ich Schachspielerin“, scherzte sie bitter. Ihr Start bei der Weltmeisterschaft ist gefährdet. Sprinterin Lisa Marie Kwayie trat, wegen einer Muskelverhärtung, nicht zum Finale an, das sie in 11,45 Sekunden erreicht hatte. Sie wurde als Achte gewertet.

Amanal Petros wurde, nachdem er über 10.000 Meter auf Platz drei gespurtet war (13:50,45 Minuten), wegen eines Fehltritts disqualifiziert. Die Kampfrichter bestraften ihn, weil er die Bahn verlassen und den Innenraum betreten haben soll.

Geboren in Eritrea, aufgewachsen in Äthiopien und mit 16 Jahren nach Deutschland geflüchtet, ist es ihm ein besonderes Anliegen, für seine neue Heimat Flagge zu zeigen. „Hole ich mal Punkte für Deutschland“, sagte er sich, als er im Rennen realisierte, dass es mit der Qualifikationszeit für die WM nichts werden würde. Er ließ die Favoriten Tempo machen. Der Ausschluss traf ihn besonders hart. „Mir ist es wichtig, dass ich Deutschland repräsentiere“, sagte er. „Das Land spielt in meinem Leben eine so große Rolle.“ In Bydgoszcz fühlt er sich wohl. Vor zwei Jahren wurde er hier Zweiter der U-23-Europameisterschaft, für Deutschland.

Selten Erfahrung

„Ich kam einfach nicht rein in den Wettbewerb“, sagte Lisa Ryzih, als sie ratlos die von starkem Wind durchwehte Arena verließ. „Ich habe überhaupt nicht das Gefühl bekommen, das ich brauche zum Springen.“ Zweimal war sie durchgelaufen, einmal hatte sie gerissen. „Das lastet einem schwer auf den Schultern, dass man mit einem solchen Null-Event überhaupt keine Punkte beisteuern konnte“, fand sie.

Mannschaftssport ist eine seltene Erfahrung für Leichtathleten. „Wir haben alle unsere guten Tage und unsere schlechten“, sagte Gesa Krause zum Salto nullo der Mannschaftskameradin. „Wir gewinnen als Team, und wir verlieren als Team. Ich würde nie jemandem einen Vorwurf machen.“ Sie ließ sich, für die Mannschaft, auf ein taktisches Rennen ein und siegte mit einem Endspurt von nur dreihundert Metern. „Es hat Spaß gemacht, auch mal in einer Gruppe zu rennen.“ Die Zeit von 9:36,67 Minuten war für sie irrelevant. Wäre sie nur für sich gestartet, hätte sie viel früher angegriffen und riskiert, einzubrechen.

Umgekehrt war es bei Christina Hering. „Ich wollte verhindern, dass es ein taktisches Rennen wird“, sagte sie nach Platz drei über 800 Meter in 2:01,77 Minuten. Ausgebremst und überspurtet bei der Europameisterschaft von Berlin im vergangenen Jahr, findet die Münchnerin in dieser Saison den Mut, ihren Schritt auch an die Spitze internationaler Wettbewerbe zu gehen. „Ich nehme das Herz in die Hand“, sagt sie dazu. Sie war stolz, zehn Punkte beizutragen, und ihre Zuversicht wächst, sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren. 

Geradezu beflügelt war Hochspringer Mateusz Przybylko. Für den Kölner war diese Team-Europameisterschaft der erste Wettkampf in der Heimat seiner Eltern und Großeltern. Gemeinsam mit seiner Familie kam er an jedem der drei Tage ins Stadion. Als er, am Tag vor seinem Wettkampf, im Trainingsanzug der deutschen Nationalmannschaft am Grill in der Fankurve seine Wurst auf Polnisch bestellte, war der Verkäufer begeistert.

„Du bist doch der Europameister!“, rief er. Man kann sicher sein, dass auch die Unterstützung der polnischen Zuschauer Przybylko trug. Reglement und Taktik verhinderten, da ist sich der Springer sicher, einen Höhenflug. Um keinen einzigen Punkt zu riskieren, stieg er bei 2,12 Meter ein, brauchte aber bei drei Höhen zwei Versuche. „Wenn ich für mich gesprungen wäre, hätte ich 2,26 Meter ausgelassen und gleich 2,28 versucht“, sagte er. So aber riss er bei 2,26 zum vierten Mal und war raus. Weitere Versuche lässt das Reglement nicht zu.

Doch unglücklich, dass nur 2,22 Meter als Resultat standen, Platz vier und damit neun Punkte, war Przybylko nicht. „Ich habe gemerkt, ich kann das rocken, ich bin wieder da“, sagte er. „Wenn ich gedurft hätte, wäre ich die 2,26 garantiert noch gesprungen.“

Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Sonntag, dem 11. August 2019

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