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20
08
2019

Unsere Gedenkkarte - Foto: LT Bernd Hübner

Dieter Wohlfahrt wäre jetzt 78 Jahre alt – Mauergedanken vom 8. Mauerweglauf – 100 Meilen Berlin – am 16.-18. August 2019 von Dr. Erdmute Nieke

By GRR 0

Dieter Wohlfahrt wäre in diesem Mai 78 Jahre alt geworden. Doch im Dezember des Mauerbaujahres wurde Dieter 20-jährig von DDR-Grenzsoldaten in Staaken erschossen.

Ein junger Mann, in Hohen Neuendorf, nördlich von Berlin, aufgewachsen, darf in der DDR kein Abitur ablegen, nur weil sein Vater Österreicher war. Vor dem Mauerbau bekommt er gemeinsam mit anderen jungen Leuten aus der DDR die Möglichkeit am Bertha-von-Suttner-Gymnasium im Westteil der Stadt sein Abitur zu machen.

Anschließend studiert er an der TU Berlin Chemie. Sofort nach dem Mauerbau engagiert er sich als Fluchthelfer – auch für seine Freunde, die noch in der DDR sind. Er bekommt den Spitznamen „Deckelmann“, da er Gullydeckel öffnet und durch die noch gemeinsame Kanalisation den Flüchtenden den Weg in die Freiheit ermöglicht.

Sein österreichischer Pass gibt ihm die Chance sich durch beide Teile der getrennten Stadt zu bewegen. Am 9. Dezember 1961 versucht er gemeinsam mit drei Freunden die Mutter einer Freundin durch den Grenzzaun – der noch zu dem Zeitpunkt noch keine feste Mauer, sondern „nur“ ein dreifacher Stacheldrahtzaun ist – frei zuschneiden. Er gerät in einen Hinterhalt.

Die Westberliner Polizei und die britische Militärpolizei können ihm nicht helfen, sie werden mit Waffengewalt der DDR-Grenzsoldaten abgehalten, den schwer Verletzten zu retten. Dieter verblutet auf dem Grenzstreifen.

Am 17. August 2019 laufen gut 1000 Läufer*innen auf dem Mauerradweg um das ehemalige Westberlin und tragen auf ihren Startnummern das Porträt von Dieter Wohlfahrt.

So auch ich als Startläuferin einer Vierer-Staffel, gemeinsam hatten wir schon vor der Anmeldung am 9. November 2018 einen Staffelnamen gesucht. Wir Läufer*innen im LT Bernd Hübner nennen uns gern Hübis. So einigten wir uns auf den Staffelnamen „4 Hübis gegen Mauern“.

Die Strecke geht in diesem Jahr gegen den Uhrzeigersinn zuerst nach Norden. Schnell entzerrt sich das Läuferfeld. Ich kann beim Laufen meinen Gedanken nachhängen.

Am Abend vorher hatten wir bei der Pastaparty unsere Gedanken als Staffel auf eine kleine Karteikarte geschrieben, die Ute am Ort, wo Dieter Wohlfahrt erschossen wurde, bei km 53, aufhängen wird.

Auf unserer Karte steht: „Mauern sind auch heute keine Lösung. Wir brauchen auch heute mutige Menschen, die Flüchtlingen helfen.“

Dieter ist schon fast 58 Jahre tot. Doch auch heute sind Menschen auf der Flucht und brauchen unsere Unterstützung. Der Mauerlauf hält Erinnerungen an Menschen wach, die mutig waren und ihr Leben für andere eingesetzt haben. Dieters Freunde beschrieben ihn als bescheidenen und unauffälligen Menschen.

Meine Gedanken werden von anderen Läufer*innen unterbrochen. Wir freuen uns über ein Stück neu angelegten Mauerradweg, kurz vor dem ersten Versorgungspunkt. Ein breiter und frisch asphaltierter Weg, an dessen Rändern sogar schon erste Sonnenblumen blühen, begeistern Wiederholungstäter wie mich. Erste sichtbare Zeichen des Berliner Mobilitätsgesetzes. Eine Läuferin aus Göttingen ist begeistert, dass es in Berlin so viel Natur gibt.

Wir bewegen uns gerade Richtung Lübars. Einst das ideale Dorf in der Inselstadt. Im Frohnauer Forst hat die Naturschutzjugend einen ehemaligen Grenzturm hergerichtet, für uns heute der dritte Versorgungspunkt.

 Ute hängt die Karte auf – Foto: LT Bernd Hübner

Auf dem Mauerstreifen im Norden hatte die Natur nun schon fast 30 Jahre Zeit den Todesstreifen zurück zu gewinnen. Obstbäume tragen Früchte, der Wald wird vom Radweg – der sich einst Postenweg nannte – unterbrochen.

Am Versorgungspunkt fünf mitten im Wald steht Manfred und verwöhnt uns mit der berühmten extra gerührten Cola. Für mich kommen die letzten vier Kilometer. Kurz vor Hennigsdorf geht der Weg an den ehemaligen Kasernen der Grenztruppen vorbei. Die Gebäude leuchten heute rot und gelb, frisch saniert und dienen als Heim für Geflüchtete.

Da sind sie wieder die Mauergedanken. Auch heute brauchen wir Menschen, die den Geflüchteten helfen und wir alle sind aufgerufen die Integration der neu zu uns kommenden Menschen zu unterstützen.

Schnell ist mein Transponder am Wechselpunkt übergeben und ich darf nach Hause gehen, um mich am Abend mit meinem Fahrrad in den Süden der Stadt auf zu machen um unseren Schlussläufer zu begleiten. 59 Kilometer von Teltow nach Prenzlauer Berg starten wir gemeinsam kurz vor 19 Uhr.

Ute hat inzwischen die Gedenkkarte für Dieter Wohlfahrt an eine riesige Pinnwand geheftet und Caro ist über die berühmte Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Berlin über die Havel gelaufen.

Klaus läuft in die Abenddämmerung und ich radle noch ganz entspannt nebenher. Doch wir müssen feststellen, dass der Mauerradweg im Süden dringend eine Erneuerung braucht. Es wird dunkel und ich unterstütze die Läufer mit so Ansagen wie: Wurzel, Bodenwelle, Schlagloch, Steine…

Zunächst begleitet uns um in der Nähe von Schönefeld noch ein Käuzchen mit seinem Rufen. Wahrscheinlich wundert es sich, über die komischen Gestalten mit Stirnlampen und Leuchtwesten, die den nächtlichen Weg bevölkern. Allmählich kommen wir wieder in die Stadt. Das Käuzchen ist weg, dafür hören wir immer wieder die Klänge der verschiedensten Gartenpartys. Es ist ein ziemlich warmer Sommerabend.

Beim Laufen werden die Erinnerungen an die Mauerzeiten ausgetauscht. Der Mauerlauf macht dies möglich. West trifft auf Ost, Süd auf Nord. Wenn wir Ultraläufer*innen überholen, die bereits gut über 100 km auf den Beinen sind, grüßen wir uns und fragen, wie es geht. Oft müssen wir Englisch weiter reden. Die Welt zu Gast in Berlin. Die Ergebnisliste ist bunt, viele Nationalitäten sind vertreten.

Eine Herausforderung wird die Strecke in Kreuzberg. Die Berliner Partymeile zwischen Schlesischer Straße, Oberbaumbrücke und East Side Gallery. Es ist inzwischen Sonntag Morgen. Gut, dass ich eine kräftige Fahrradklingel habe und eine gute Stimme. Ich mache den Weg frei für Klaus.

Überhaupt die Menschen an der Strecke. Es gibt da über den ganzen Tag alles, von: Warum tut ihr das?!? Mauergedenken?!? bis hin zu ganz viel Beifall und Begeisterung. Da wir in diesem Jahr nach dem 13. August laufen, sehen wir auch viele Blumengebinde an den einzelnen Gedenkstätten für die Maueropfer liegen.

Am Ende passieren wir in der Innenstadt viele bekannte Berlinpunkte: Checkpoint Charlie, Brandenburger Tor, Bundestag. Hinter der East Side Gallery ist auch Ute mit dem Fahrrad zu uns gestoßen. Klaus wird nun von zwei Radfahrerinnen eskortiert. Am Eingang des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparkes wartet Caro auf uns. Ute und ich stellen schnell unsere Räder ab. Zu Viert – unsere „4 Hübis gegen Mauern“-Staffel – läuft auf der roten Bahn des Stadions gemeinsam in das Ziel nach 19:41:48! Welch ein Gefühl!

Gern würden wir jubeln, doch die Anwohner hatten mal wieder die Polizei wegen nächtlicher Ruhestörung vorbei geschickt. Wir werden am Eingang des Stadions gebeten leise ins Ziel zu laufen. So ist es stille Freude, gerahmt von den leuchtenden Kugeln an der roten Bahn.

Leuchtende Kugeln im Zieleinlauf – Foto:  LT Bernd Hübner

Stille Freude – angemessen des Anlasses – die Berliner Mauer ist nun schon 30 Jahre verschwunden, Dieter Wohlfahrt lebt in unseren Gedanken.

Wir sitzen noch bei einem Zielbier zusammen und verabreden uns für die Siegerehrung am Sonntag um 12 Uhr.

Kämpfen wir weiter gegen Mauern in den Köpfen und an vielen Orten: Mexiko, Korea, Europa. Carola Rackete – diese Frau steht für die Unterstützung von Menschen, die heute flüchten.

DANKE an die LG Mauerweg Berlin e.V.! Acht Maueropfer habt ihr nun schon bei acht Mauerläufen in unsere Erinnerungen integriert. Dieter Wohlfahrt – sein Porträt ist auch auf unseren Medaillen. Seit heute hängt sein Bild neben den vier anderen Menschen, für die ich auf dem Mauerweg unterwegs war: Jörg Hartmann – Dorit Schmiel – Karl-Heinz Kube – Marienetta Jirkowski.

Dr. Erdmute Nieke

Im 30. Jahr nach dem Mauerfall ehren wir Dieter Wohlfahrt. – Foto: 100MeilenBerlin – Der Mauerweglauf

Dieter Wohlfahrt: http://www.chronik-der-mauer.de/todesopfer/171445/wohlfahrt-dieter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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