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10
2019

Lauf über die Grenze - Foto: Hans-Georg Kremer

30 Jahre Mauerfall: Stacheldraht vom Grenzzaun – Teil II – Hans-Georg Kremer berichtet

By GRR 0

Zur Geschichte des Rennsteiglaufs und die Öffnung der Grenze 1989 

Nachdem am 8. März 1990 für eine größere Wandergruppe die innerdeutsche Grenze an allen Stellen, wo sie der Rennsteig kreuzt, geöffnet worden war, begann der Bereichsleiter für Öffentlichkeitsarbeit des Rennsteiglaufs Dr. Hans-Georg Kremer mit seiner Laufgruppe von der BSG Wismut Gera und Freunden der von ihm gegründeten Laufgruppe der HSG Uni Jena einen Lauf über den östlichen Teil des Rennsteigs vorzubereiten.

Mit seinem Nachfolger als Stellvertretenden Vorsitzenden bei der BSG Wismut Gera, Dr. Martin Nimptsch, hatte er einen engagierten Partner gefunden. Dazu kamen noch die Organisatoren des Rennsteiglaufs um Volker Kittel, die trotz der Vorbereitung auf den 18. Lauf, Zeit und Ideen sowie Kontakte zu Sponsoren usw. in die Vorbereitung eines Laufs über die ehemalige Grenze investierten.

 

Die Schildwiese, das „schmalste“ Stück DDR – vier Grenzzäune auf 50 m – wird passiert – Foto: Archiv Hans-Georg Kremer

Sie sahen dies als wichtige Aufgabe an, um den ganzen Rennsteig in ihre Organisation einzubinden. Mit der Idee auch in der „westdeutschen Laufszene“ auf die Alleinstellungsmerkmale des Rennsteiglaufs aufmerksam machen wollen, stießen Geraer bei den Mitgliedern des Organisationsbüros des Rennsteiglaufs „offene Türen auf“.

Als wichtiger Partner in der Vorbereitung erwiese sich der Rennsteigläufer Rolf Becker aus Leipzig, zum damaligen Zeitpunkt im Stadtrat für den Sport zuständig. Schon früher hatte er als Mitarbeiter bei der SED-Bezirksleitung Leipzig für Kontakte zu Leitungsfunktionären wie Dr. Roland Wötzel hergestellt, die nicht nur selber beim Rennsteiglauf mitliefen sondern auch beim Druck von Urkunden, Plakaten und Ergebnisheften durch die Bereitstellung von Druckgenehmigungen den Rennsteiglauforganisatoren sehr halfen.

Zielankunft der Gruppe in Neuhaus – Foto: Archiv Hans-Georg Kremer

Rolf Becker organisierte Sportkontakte zur Leipziger Partnerstadt Hannover und vor allem zum Marathon-Organisator Karl Ochs. Über ihn wurden Verbindungen zur Werbeagentur macona in Frankfurt/M. geknüpft, die damals nicht nur für das Marketing des Frankfurt-Marathons arbeitete, sondern auch eine Marathonserie mit der Bundesbahn kreierte, bei der Läufern aus dem Osten, durch Freiplätze und Bahntickets die Teilnahme unterstützt wurde.

Beim Besuch des Hannover-Marathons durch den Bereichsleiter Öffentlichkeitsarbeit des Rennsteiglaufs konnten mit Irmgard und Edwin Heckelsberger von macona ein langes Gespräch geführt werden, welches dazu führte, dass die beiden sofort „Feuer und Flamme“ sowohl für den Rennsteiglauf insgesamt, als auch für einen Lauf über den bisher im Grenzgebiet liegenden östlichen Rennsteig waren. Innerhalb von einem Monat gelang es ihnen erste „Sponsoren“ für den Rennsteiglauf zu gewinnen, so z. B. einen Bananen- und einen Getränkesponsor.

 

Lauf über den Todesstreifen – unter den Augen der Grenzer – Foto: Archiv Hans-Georg Kremer

Auf dieser Grundlage wurde eine kleine Ausschreibung für einen I. Gesamtdeutschen Rennsteiglauf am Vortag (Freitag) des 18. GutsMuths-Rennsteiglaufs erarbeitet und über die Regionalpresse in Ostthüringen, Franken und die Laufgruppen in Gera und Jena verbreitet.

Am 18. Mai 1990 starteten dann 21 Männer und zwei Frauen zum I. Gesamtdeutschen Rennsteiglauf. Insgesamt sechs Mal mussten die Grenzanlagen passiert werden. An allen Stellen gab es inzwischen offizielle Grenzübergangstellen, wo teilweise noch Pässe bzw. Personalausweise kontrolliert wurden.

Beim ersten Übergang zwischen Blankenstein und Lichtenberg, auf dem alten Bahnkörper der Höllentalbahn, mussten noch die Ausweise von den Teilnehmern und Betreuern persönlich vorgelegt werden.

Am Start auf der bayrischen Seite bei Blankenstein – Foto: Archiv Hans Georg Kremer

Bei den folgenden sechsmaligen Übergängen konnte man sich mit der „DDR-Grenzpolizei“ einigen, dass die Betreuerin Gunda Kremer alle Ausweise geschlossen vorlegte. Teilweise saßen die „Grenzbeamten“ Ost und West, da schönes sonniges Wetter war, gemeinschaftlich an einem Tisch im Freien und winkten die Laufgruppe einfach durch.

Schwieriger war es für die Betreuungsfahrzeuge, da nicht an alle Grenzübergangsstellen für Fahrzeuge geeignet waren, wodurch teilweise große Umfahrungen nötig wurden. Das Helfer und Versorgungsteam bestand aus Sportwissenschaftlern der Uni Jena um den Sportmediziner Prof. Dr. Jochen Scheibe, welches die Läuferinnen und Läufer über die gesamte Zeit betreute. Dazu kam die Familie Heckelsberger von macona, die von Sponsoren Bananen, Getränke und medizinisches Verbrauchsmaterial mitgebracht hatten. Gunda Kremer, Georg Zange und Rolf Becker vervollständigten das Team. Der Ausdauerläufer Hubert Becker aus Hof hatte über einen Sporthändler für einheitliche Erinnerungs- T-Shirts gesorgt.

Die Grenze ist offen und ohne Kontrolle – Foto: Archiv Hans-Georg Kremer

Der Lauf war schon aus versorgungstechnischen Gründen als Gruppenerlebnis konzipiert, sodass über die gesamte, mehr als 55-Kilometer lange Strecke bis zum Startgelände des Rennsteiglaufs in Neuhaus die Gruppe zusammenblieb.

Auf bayrischer Seite vor dem Start- im Hintergrund ein Wachturm der DDR – Foto: Archiv Hans-Georg Kremer

Als besonderes Souvenir erhielten die Teilnehmer im Ziel ein Stück Originalstacheldraht der ehemaligen Grenzanlagen in Form eines R. Zu den Episoden am Rande gehörte, dass auf Grund einer schriftlichen Anfrage der bayrische Ministerpräsident Max Streibl die Schirmherrschaft über diesen Lauf übernommen hatte. Die noch etwas „unerfahrenen“ Veranstalter aus dem „Osten“ hatten sich davon natürlich auch eine finanzielle oder anderweitige Unterstützung erhofft. Es blieb aber bei einem freundlichen Grußwort.

Paßkontrolle bei der „Ausreise“ – Foto: Archiv Hans-Georg Kremer

Teilnehmer waren: Friedhelm Gebhardt (Jena), Matthias Greifenhagen (Schlettau), Antje und Klaus Grimm (Unterlemmnitz), Christian Homagk (Finsterwalde), Peter Jeziorski (Gera), Heike Keil (Weimar), Heinz Kieshauer, Werner Kolmschlag, Dr. Hans-Georg Kremer, Jochen Kraft, Andreas Kupke (alle Gera), Peter Kästner (Staupitz), Eberhardt Minzenmay (Ludwigshafen), Dr. Martin Nimptsch (Gera), Herbert Polaschek (Frankfurt/M), Gerhard Quick (Stammbach), Gerhard Rötzschke (Jena), Dieter Schädlich (Annaberg), Peter Schneider, Jürgen Trenkler, Peter Ulrich (alle Gera) und Rainer Walter (Gräfenthal).

Im Nachgang fertigte der bekannte Medailleur Helmut König aus Zella-Mehlis noch eine Medaille über dieses Ereignis an, die dann in kleiner Stückzahl aufgelegt wurde.

Der Stacheldraht vom Grenzzaun – Foto:  Archiv Hans-Georg Kremer

Diese Medaille und das Stacheldraht-Souvenir soll demnächst Horst Milde und Gerd Steins vom Forum Sportgeschichte für die Sammlung des Sportmuseums Berlin – Marathoneum – im Berliner Olympiapark übergeben werden, wo sich schon viele Rennsteiglaufsouvenirs befinden.

Dr. Hans-Georg Kremer

Gunda und Dr. Hans-Georg Kremer
Ziegenhainer Str. 77
07749 Jena
Tel.: 03641-363094
Stiftungen Spitzberglauf/Rennsteiglauf
Bankverbindung Flessabank Jena DE90 7933 0111 0002 3303 65
und Seniorensport
Bankverbindung Flessabank Jena DE63 7933 0111 0002 3303 66
Treuhänderisch verwaltet durch die
Stiftung „Annedore – Lebenshilfe im Alter“ in Jena

30 Jahre Mauerfall: Zur Geschichte des Rennsteiglaufs und die Öffnung der Grenze 1989 Teil I – Hans-Georg Kremer berichtet

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