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09
11
2019

Der BERLIN-MARATHON 1990 - das Tor ohne Quadriga - Foto: Sportmuseum Berlin

30 Jahre Mauerfall Berlin – Teil III: BERLIN-MARATHON 1990 – Ein Rückblick vom 12. November 1989 bis zum „Vereinigungsmarathon“ am 30. September 1990 – Horst Milde berichtet

By GRR 0

Am 12. November 1989 wurde am Teufelsberg der 26. Berliner Cross-Country-Lauf gestartet. Dieser Lauf hatte seine lange Tradition, aber auch sporthistorische Bedeutung, denn zum ersten Mal konnten nach dem Mauerfall am 9. November 1989 Läuferinnen und Läufer aus Ostberlin und der DDR am Cross-Country-Lauf  teilnehmen.

Am gleichen Tag noch fand danach ein Kaffeetrinken mit den Teilnehmern des Crosslaufes aus Ostberlin und der DDR Roland Winkler, Dr. Detlef  Dalk (Frankfurt/oder) und Gerd Engel (Stendal) bei mir statt.

Es wurde beschlossen, daß es einen gemeinsamen GESAMTBERLINER NEUJAHRSLAUF am 1. Januar 1990 von West (Berlin) nach Ost (Berlin) und zurück geben sollte und dann den BERLIN-MARATHON  „durch das Brandenburger Tor“ im September 1990.

Aus heutiger Sicht – alles ganz normal! Damals am 12. November 1989 war das aber alles utopisch.

Roland Winkler, Dr. Detlef Dalk und Gerd Engel formierten sich zur „DDR-Initiativgruppe BERLIN-MARATHON“ und schrieben noch am gleichen Tag einen Brief an den Oberbürgermeister der Hauptstadt der DDR Erhard Krack, ich schrieb an den Regierenden Bürgermeister von Berlin (West) Walter Momper.

Inhalt: Ein GESAMTBERLINER NEUJAHRSLAUF am 1. Januar 1990 und den BERLIN-MARATHON 1990 – aber NUR durch das BRANDENBURGER TOR muss es gehen!

Manfred von Richthofen, damaliger Präsident des LSB, schwärmte dann schon vom „größten Marathon der Welt“ in Berlin, diese Prophezeiung erfüllte sich zwar nicht, aber so ganz Unrecht hatte er dennoch nicht, es wurde dann der schnellste Marathon der Welt (später).

DDR-Insider sprachen auch schon, bevor überhaupt etwas Konkretes feststand, vom Teilnahmewunsch von 3.000 – 5.000 Teilnehmern aus der DDR.

Der GESAMTBERLINER NEUJAHRSLAUF am 1. Januar 1989 ging dann auch in die Sportgeschichte ein.

Manfred Steffny macht sich Gedanken in SPIRIDON über die Laufstrecke des BERLIN-MARATHON 1990 – Foto: Horst Milde

Etwa 25.000 Teilnehmern aus aller Welt – ein Fun-Run ohne Wettkampfcharakter über etwa 6 Kilometer – von der „Entlastungsstraße“ (gibt es heute nicht mehr) zum Roten Rathaus (Ostberlin) und zurück,  wurde weltweit ein Sportereignis in Anwesenheit des damaligen IAAF Präsidenten Nebiolo und Fernsehanstalten aus aller Welt. Es gab seit über 30 Jahre keinen Lauf durch die beiden Teile Berlins.

Das Motto für die Planung des BERLIN-MARATHON 1990 lautete:„Macht das TOR auf“!

Schon Anfang April 1990 hieß es: „Nichts geht mehr“,  fast 21.000 Anmeldungen aus über 60 Ländern lagen schon  vor. Der SCC stellte jegliche Werbung für den Lauf ein, da er nicht überrannt werden wollte.

Es wurde ein Limit von 25.000 Teilnehmern festgelegt, um den normalen Qualitätsansprüchen zu genügen (im Vorjahr 1988 nahmen am 16. BERLIN-MARATHON 16.410 Läufer teil).

 

Die Laufstrecke 1990 – Foto: Horst Milde

Der BERLIN-MARATHON reduzierte die Startgebühren für Teilnehmer aus Ostberlin und der DDR für ihre Läufer 1990. Normale Startgebühren beim Marathon waren: 50.00 DM – jetzt auf 25.00 DM für Teilnehmer aus der DDR. Firmen wie Berliner Kindl übernahmen als Sponsoren die Gebühren für 100 DDR-Teilnehmer.

Die Läuferinnen und Läufer beim Durchlauf des Brandenburger Tors. Foto: Sportmuseum Berlin

In den USA lief eine Spendenaktion für DDR-Läufer. So überwiesen die Diamond Hill-Jarvis High School aus Fort Worth, Texas und die Houlton High School aus Houlton, Maine jeweils $ 30.00 für einen DDR-Teilnehmer! Andere Läufer übernahmen Patenschaften.

Der neue Startort vor dem TU-Hauptgebäude auf der Straße des 17. Juni wurde am 19. Februar 1990 bekannt gegeben, die Strecke verlief dann durch zehn Berliner Bezirke in Ost- und Westberlin – zuerst auf der Straße des 17. Juni – durch das Brandenburger Tor auf den Boulevard Unter den Linden .

Am 28. März 1990 gab es einen Schock für den Veranstalter, als der Oberbürgermeister von Ost-Berlin Dr. Christian Hartenhauer mitteilte, daß „eine Einbeziehung des Grenzübergangbereiches Brandenburger Tor aufgrund der bis Ende Oktober 1990 durchzuführenden Baumaßnahmen am Brandenburger Tor nicht möglich ist“!

Gegen diese Entscheidung gab es von allen Seiten Protest. Dann teilte Dr. Hartenhauer am 3. Mai 1990  mit: „Das Baugerüst am Brandenburger Tor wird zum Zeitpunkt des Berlin-Marathon abgebaut. So wird die Durchlaßbreite für den Lauf gewährleistet.“

Damit war der erste Gesamt-BERLINER MARATHON seit über 45 Jahren perfekt!

Am 7. Mai 1990 war der 17. BERLIN-MARATHON mit 25.000 Teillehmern schon ausgebucht, 4.000 weitere Anmeldungen wurden danach zurückgeschickt, es wurde gebeten kein Bargeld oder Blankoschecks einzusenden.

Am 2.8.1990 konnte Veranstalter SCC mitteilen, daß 1.748 Läufer und Läuferinnen aus der DDR sich unter den 25.000 angemeldeten Teilnehmern befinden. Der BERLIN-MARATHON war damit der größte DDR-Marathon, weder der Dresden-, der Leipzig- noch der Ostberliner Friedenslauf hatten je mehr Marathon-Teilnehmer!

Organisatorisch gab es etwas Neues:

Die „blaue Linie“ wurde zum ersten Mal in Berlin und in Deutschland auf die Strecke aufgetragen – die Ideallinie. In der Nacht vom 27.9./28.9.1990 trug eine extra eingeflogene Firma aus London die „blaue Linie“ auf. 1989 vertändelte der Sieger Alfredo Shahanga eine Zeit unter 2:10.00, weil er die vielen Kurven auslief, statt die kürzeste Strecke zu nutzen.

Am 15. September 1990 erhielt der SCC als Organisator die Mitteilung, daß für die „Entrüstung“ des Brandenburger Tors 120.000.00 DM zu zahlen seien, danach kürzte man auf nur 99.000.00 DM. Natürlich legte ich bei Dr. Schäuble, dem Innenminister, Widerspruch ein, denn 3 Tage später am 3. Oktober 1990 fand ja die „Wiedervereinigung“ statt, hier hätte das BRANDENBURGER TOR ebenso „entrüstet“ sein müssen: Übrigens: Der geforderte Betrag wurde nie bezahlt.

Die Volkspolizei teilte mir am 14. September 1990 mit, daß sie nicht in Lage ist,  die Straßen am 30. September 1990 vom ruhenden Verkehr zu räumen, so wie es in Berlin (West) immer üblich war.

Am Sonnabend, dem 29. September 1990 (Vorabend des Laufes) traf ich mich um 22.30 Uhr am Brandenburger Tor mit der Volkspolizei und erklärte, daß eine Räumung der Straßen bei 25.000 Teilnehmern unumgänglich sei. Sie versuchten verzweifelt das VP-Präsidium anzurufen, kamen per Funk wohl nicht durch und rannten zu einer Telefonzelle, um die Information loszuwerden. Zur Ehrenrettung der Beamten muss angefügt werden, daß die Räumung dann doch – ohne weitere Ankündigung für die Anwohner – vollzogen wurde. und die Straßen freigeräumt waren.

Christoph Kopp, der Athletenverpflichter des BERLIN-MARATHON, hatte das richtige Händchen mit der Verpflichtung des Australiers Steve Moneghetti und die Ostdeutsche Uta Pippig. Moneghetti lief in der Vorwoche beim Halbmarathon in Newcastle eine Weltbestzeit mit 1:00:34 und wollte in Berlin zeigen, daß er auch beim Marathon ein „Pfund“ drauf hat.

Steve Moneghetti (AUS) – Sieger des BERLIN-MARATHON 1990 – Foto: Sportmuseum Berlin

50 Bands und Kapellen „bliesen den Läufern an der Strecke den Marsch„, traditionell darunter die Bands der USA, der Franzosen und der Britischen Streitkräfte. Neu war 1990 die Militärkapelle der Westgruppe der Sowjetischen Streitkräfte, der NVA und der Volkspolizei!

Der 17. BERLIN -MARATHON nahm damit schon die „Vereinigungsfeier“ des 3. Oktober 1990 auf den Straßen Berlins vorweg.

Beim BERLIN-MARATHON  1990 stand das begleitende Kultur- und Informationsprogramm unter dem Motto „Europa wird eins“. Auf  drei Bühnen am Wittenbergplatz, Herrmannplatz und Alexanderplatz fand ein Musik-, Tanz- und Informationsprogramm statt.

Uta Pippig bei ihrem großen Sieg in Berlin – Foto: Sportmuseum Berlin

YANASE hieß der Hauptsponsor des BERLIN-MARATHON 1990. In Europa völlig unbekannt, aber in Japan berühmt, da die Firma Importeur von Mercedes (34.000 Importe 1989) und VW Wagen (20.000) war. Er stellte für den Sieger/-in einen Mercedes als Preis zu Verfügung. Für Moneghetti musste der Mercedes,  wegen des Linksfahrens in Australien, noch umgebaut werden.

Das Fernsehen übertrug dadurch auch live nach Japan. Da die Quadriga auf dem Brandenburger Tor wegen Reparatur fehlte, wollten die Japaner – wegen des besseren Bildes – sie durch durch eine  Pappversion ersetzen lassen, das lehnte ich aber ab!

Zwei Bürgermeister gaben den Startschuss: Walter Momper, der Regierende Bürgermeister von Berliln (West) und Tino Schwierzina Berlin (Ost).

Berlins Hotels waren in Ost und  West durch die die auswärtigen Lauftouristen völlig ausgebucht.

Die Berliner wurden aufgefordert, das Auto am Lauftag stehen zu lassen, insbesondere die „Trabifahrer“ sollten mit ihrem „Abgasgestank“ nicht die Luft der Läufer verpesten!

Sogar die Post machte mit: Es gab einen Sonderstempel zum BERLIN-MARATHON!

Der Sonderstempel zum BERLIN-MARATHON 1990 – Foto: Horst Milde

DM 250.00 für eine Startnummer: Bei den nach Berlin angereisten Läufern wurde die Startnummer für 250,00 angeboten – und gekauft!

Sender Freies Berlin (SFB) – „Die Marathonwelle“ übertrug von  6.00 Uhr bis 14.00 Uhr live vom BERLIN-MARATHON mit Wetterberichten, letzten Ratschlägen, Reportagen vom Rennverlauf, viel Musik und laufenden Informationen. Es gab auch die SFB 2 Marathonhymne.

ARD-Sport-Extra/SFB übertrug bundesweit und weltweit live von 8.45 Uhr – 12.00 Uhr vom BERLIN-MARATHON

Am 27. September 1990 gab es bei einer Begehung des Brandenburger Tors „grünes Licht“ für den Durchlauf der Läufer. Die Abrüstungsarbeiten waren beendet. Nach Aussagen des Bauleiters wird sich das Tor „besenrein präsentieren“!

Völlig eben zeigt sich auch das Gelände rund herum, der „Verkehrsbau, Aufbauleitung Nord des Magistrats“, hat „läufergerechte Arbeit“ geleistet, alles ist asphaltiert, die Fläche der abgerissenen Mauer ist hervorragend für die Rollstuhlfahrer und Läufer instandgesetzt.

Der Traum der Läufer und Läuferinnen aus Ost und West und der Organisatoren hat sich damit erfüllt: NUR durch das BRANDENBURGER TOR muss es gehen!

Die Sieger des „Vereinigungsmarathon“ sind bekannt und schon anderweitig behandelt: Uta Pippig und Steve Moneghetti (AUS) – bis heute Nationalheld in Australien.

Steve Moneghetti durch seine Weltjahresbestzeit von 2:08:16 und Uta Pippig mit 2:28:37 haben durch ihre Siegeszeiten den BERLIN-MARATHON  berühmt gemacht und gezeigt, daß Berlin jetzt zur Elite der Marathonläufe gehört. Jörg Peter als Dritter mit 2:09:23 und Stephan Freigang als Vierter mit 2:09:45 konnten mit ihren Leistungen in Berlin ebenfalls überzeugen.

Es sei noch besonders erwähnt, daß die ersten 3.2 km vom Start bis zum Brandenburger wohl noch nie so schnell bei einem Marathon gelaufen wurden wie in Berlin, denn jeder wollte der Erste sein, der das Brandenburger Tor durchquert!

Im youtube-Video über „Zeitzeuge“ Horst Milde sind Einspielszenen über den neuen Start am Charlottenburger Tor 1990 (TU Berlin) und den Durchlauf der Teilnehmer des Brandenburger Tors zu sehen (siehe link am Ende des Beitrages zu finden)!

Auf weitere Einzelheiten zur Organisation des BERLIN-MARATHON vom 30. September 1990 muss verzichtet werden – da reicht der Platz nicht aus – es war für alle mit Sicherheit aufregend und ein nicht wiederkehrendes Abenteuer in der zusammenwachsenden Stadt Berlin.

Allen, die dabei – in Ost und West – die geholfen haben den jahrelangen Traum der Läufer und Läuferinnen wahr werden zu lassen – durch das Tor zu laufen – , sei heute noch gedankt.

Horst Milde

30 Jahre Mauerfall Berlin – 26. BERLINER CROSSLAUF am 12. November 1989 – Teil I – Horst Milde berichtet

30 Jahre Mauerfall Berlin Teil II: 1. Gesamt-Berliner NEUJAHRSLAUF am 1. Januar 1990 um 14.00 Uhr – Horst Milde berichtet

Die Geschichte des BERLIN-MARATHON: Es begann beim Crosslauf 1964:

Video: Zeitzeuge „Horst MILDE – Berlin“ – Produktion: Helmut Winter
https://www.youtube.com/watch?v=sEGve18Drf8

 

author: GRR