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14
01
2020

Die Olympischen Ringe - Foto: Horst Milde

Athleten widersprechen Bach: Schweigen? Nein danke! Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

By GRR 0

Das Recht auf freie Meinungsäußerung sei ein wertvolles Gut. Dessen Einschränkung bei Olympischen Spielen, wie von IOC-Chef Bach propagiert, wollen die Athleten Deutschland nicht hinnehmen.

Athleten Deutschland widerspricht der Forderung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und dessen Präsidenten Thomas Bach, bei den Olympischen Spielen von Tokio 2020 auf politische Aussagen und Proteste zu verzichten.

Das Recht auf freie Meinungsäußerung sei ein wertvolles Gut, dessen Einschränkung nur aus schwerwiegenden Gründen akzeptiert werden könne, heißt es in einer Veröffentlichung der Organisation, die Athleten olympischer und nichtolympischer Sportarten vertritt. „Wir bezweifeln, dass der Verweis des IOC auf die Wahrung der politischen Neutralität des Sports ausreicht, um ein Verbot von politischen Protesten zu rechtfertigen.“

Das IOC hat eine Richtlinie zur Anwendung seiner Regel 50 veröffentlicht, welche etwa als „spaltende Disruption“ verbietet, beim Abspielen einer Nationalhymne zu knien, Handzeichen oder -bewegungen mit politischer Bedeutung zu machen oder während der Siegerehrung auf dem Podest anderen Medaillengewinnern den Respekt zu verweigern.

Sanktionen reichen bis zum Ausschluss von den Olympischen Spielen. Auf ihren Internet-Accounts sind Athleten politische Kommentare erlaubt.

Bach sagte in seiner Neujahrsrede: „Wir können unsere Mission, die Welt zu vereinen, nur erreichen, wenn die Olympischen Spiele über und jenseits aller und jeder politischen Unterschiede stehen.“ Die Spiele seien keine Plattform, um politische und irgendwelche anderen spaltenden Ziele voranzutreiben. Das IOC stehe fest gegen die wachsende Politisierung des Sports. „Wie die Geschichte gezeigt hat, führt solche Politisierung zu nichts und vertieft am Ende noch existierende Spaltung“, sagte Bach.

Bei der Mehrzahl der Athleten gebe es breites Verständnis und Unterstützung, dass Spielfeld und Ehrungen nicht Schauplatz für politische Aussagen oder irgendwelche Proteste werden sollten. Athleten zu respektieren bedeute auch, deren einzigartigen olympischen Moment zu respektieren und nicht mit eigenen politischen Ansichten davon abzulenken.

Athleten Deutschland dagegen bezeichnete es als vergebene Chance, wenn Sportlerinnen und Sportlern im Wettkampf und bei Siegerehrungen die Möglichkeit genommen werde, gesellschaftliche Veränderungen anzuregen und ihre Fans auch in dieser Hinsicht zu inspirieren. „Wir glauben, dass echte Einheit und Verständigung nicht entstehen, indem der Dialog über kulturelle Unterschiede und politische Auffassungen unterdrückt wird“, heißt es in der Veröffentlichung.

„Im Gegensatz: Ein stärkeres Signal an die Welt als Sportlerinnen, die zeigen, wie man friedlich und respektvoll politisch Stellung bezieht, können wir uns kaum vorstellen.“

Die angekündigte Menschenrechtsstrategie des IOC und der zu gründende Menschenrechtsbeirat sollten sich eingehend mit der Frage befassen, ob und wie die Einschränkung von Grundrechten der Athleten zu rechtfertigen sei.

Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Montag, dem 13. Januar 2020

Michael Reinsch

Korrespondent für Sport in Berlin

author: GRR