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24
07
2020

Olympische Spiele Stockholm 1912 - Poster

Der Mann, der die längste Marathonzeit lief – Klaus Weidt erzählt diese ungewöhnliche Geschichte des Marathons der Olympischen Spiele Stockholm 1912

By GRR 0

Wenn auch der Stockholm-Marathon auch auf 2021 verschoben wurde, sollte man sich mal an einen Japaner erinnern, der hier bei Olympia auf den 42,195 Kilometern einschlief

Die Geschichte ist unglaublich, aber wahr. Der Marathonläufer Shiso Kanaguri gehörte zusammen mit dem Sprinter Yahiko Mishima zu den ersten Japanern, der an Olympischen Spielen teilnahm. Das war 1912 in Stockholm.

Ein Jahr zuvor erst wurde in Japan der Marathon überhaupt erst bekannt. Kanaguri gewann zwar einen Qualifikationslauf, der ihm allerdings noch eine Olympiafahrkarte einbrachte. Denn Bedingung des finanzschwachen japanischen Olympiakomitees war, dass der Teilnehmer für diese „ungewöhnliche“ Disziplin seine Kosten für die weite Reise selbst aufzubringen hatte. So sammelten schließlich seine Kommilitonen das Geld für ihn und verabschiedeten ihn feierlich.

 

Marathonläufer beim Stockholm-Marathon – Foto. privat

Die Fahrt des Studenten Shiso Kanaguri nach Stockholm war ein Abenteuer für sich und dauerte 18 Tage. Zuerst setzte er mit dem Schiff von Japan nach Wladiwostock über und kaufte ein Ticket für die Transsibirische Eisenbahn, die ihn nach Moskau brachte. Dort stieg er um und erreichte nach mehreren Zwischenstationen über Finnland endlich Schweden. Völlig erschöpft kam er in Stockholm an und brauchte gut fünf Tage, ehe er wieder ein Training aufnehmen konnte.

Der olympische Marathon, damals über 40,2 Kilometer, fand am 14. Juli 1912, also am letzten Tag der Sommerspiele, statt. 18.713 zahlenden Zuschauer, soviel wie noch nie, füllten das neue Olympiastadion. 69 Läufer aus 19 Ländern gingen an die Startlinie, 98 hatten sich gemeldet.

Die Hitze jedoch war extrem – bis zu 32 Grad im Schatten, den es auf der Pendelstrecke jedoch kaum gab. Der Portugiese Francisco Lazaro erlitt bei Kilometer 30 einen Hitzeschlag und brach zusammen. Am nächsten Morgen verstarb er im Krankenhaus. Der Südafrikaner McArthur gewann in 2:36:54,8 h, eine Zeit, die zu den langsamsten olympischer Marathonrennen gerechnet wird.

Fast genau an diesem 30.Kilometer, im Stockholmer Vorort Sollentuna, hatte auch der 20jährige Japaner seine Probleme. Von einer Familie, die gerade in ihrem Vorgarten saß und den Marathonläufern begeistert zuwinkte, wurde er eingeladen, bei diesen tropischen Temperaturen etwas zu trinken und sich danach ein wenig auszuruhen.

Kanaguri nahm die Einladung nur allzu gern an und legte sich ein wenig hin. Man erzählt, dass er sofort in einen tiefen Schlaf fiel, aus dem er erst am nächsten Morgen erwachte. Die schwedischen Gastgeber hatten sich nicht getraut, ihn, den Erschöpften, zu wecken.

Shiso Kanaguri war das verständlicherweise mehr als peinlich. Er melde sich beim Organisationsstab zurück und weigerte sich zunächst, wieder in seine Heimat zurückzukehren. Schließlich kaufte er sich doch eine Bahnfahrkarte und gelangte auf die gleiche abenteuerliche Weise wie bei der Hinreise sein Japan. Dort verzieh man ihm, schließlich hatte dem Olympischen Komitee Nippons der Stockholmausflug des Läufers nicht viel gekostet. Kanaguru aber war nunmehr vom Marathonfieber infiziert, startete bei den Olympischen Spielen 1920 und belegte dort einen achtbaren 16.Platz, stellte vier Jahre später mit 2:36:10 h einen Asienrekord auf, musste allerdings beim im selben Jahr ausgetragenen olympischen Wettkampf über 42,195 km in aufgeben.

 

Der Enkel vor dem Bild seines Opas  in Stockholm – Foto: privat

Auf die Idee, an den Ort seines unvollendeten Marathonlaufs noch einmal zurückzukehren, kam ein befreundeter Journalist, der sich ausrechnete, hier eine nichtalltägliche Story schreiben zu können. Er überredete den inzwischen 74jährigen Universitätsprofessor zu einem Flug im April 1967 in die schwedische Hauptstadt.

Dort angekommen, suchten beide jenen Ort im Stockholmer Vorort Sollentuna auf, an dem sich Nippons Marathoni schlafen gelegt und somit sein Olympiadebüt beendet hatte. Dort zog der immer noch gut trainierte Prof. Dr. Shiso Kanaguri seine Laufschuhe an und joggte ins Olympiastadion, das sich kaum verändert zeigte. Der Reporter stoppte die „Restzeit“ und notierte exakt die „Gesamtzeit“ seines Freundes von 1912 bis zu diesem Apriltag 1967: 54 Jahre, 8 Monate, 6 Tage, 3 Stunden, 23 Minuten und 20 Sekunden.

Der längste Marathon aller Zeiten…

Vielleicht sollte der eine oder andere Stockholm-Teilnehmer 2021, nach 99 Jahren, bei Kilometer 30 an jenen bemerkenswerten Japaner zurückdenken.

Shiso Kanaguri übrigens hielt sich konditionell bis ins hohe Alter recht gut. Er starb 1984 mit 93 Jahren.

(Aus dem Buch von Klaus Weidt „Weltweit laufend unterwegs“)

Der ASICS Stockholm-Marathon 2020 wurde Corona bedingt auf den 5. Juni 2021 verlegt. Tags zuvor findet der ASICS Stockholm High Five statt. Virtuell können beide Läufe am Wochenende vom 5. bis 6. September dieses Jahres absolviert werden.

Der erste Marathon in Stockholm fand anlässlich der Olympischen Spielen 1912 in Schwedens Hauptstadt statt. Als „Stockholm-Marathon“ wurde er am 4. August 1979 begründet. Die Teilnehmer sind auf 21.000 begrenzt worden.

Klaus Weidt

Wo die erste Frau einen „Ost-Marathon“ lief – Klaus Weidt berichtet

 

author: GRR