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2020

lsebill Pfenning - Foto: Swiss Athletics/Sportmuseium Schweiz

Meilensteine der Schweizer Leichtathletik bis 1971 – Swiss Athletics

By GRR 0

Bis zu den Olympischen Spielen 1896 wurde die Leichtathletik nur rudimentär betrieben, etwa am 17. August 1808 anlässlich des grossen Hirtenfests in Unspunnen bei Interlaken.

Ebenfalls in Interlaken soll am 13. November 2021 der rote Teppich für die «Swiss Athletics Night» ausgerollt werden.

20. Juni 1897: Erster Leichtathletik-Anlass nach neueren Regeln in Genf zu Ehren des 60-Jahr-Regierungsjubiläums von Königin Viktoria von England.

4. September 1898: Erstes nationales Leichtathletik-Meeting in Zürich, unter anderem mit einem Dreibeinlauf, bei dem sich zwei Mitstreiter an benachbarten Füssen zusammenbinden liessen, um gemeinsam eine Strecke zurückzulegen.

3. September 1899: Erste inoffizielle Schweizer Meisterschaft des FC Zürich, aus dem 1922 die Leichtathletik-Sektion und 1934 der Leichtathletik-Club Zürich hervorgehen sollte. Die schnellsten Zeiten: 12,2 Sekunden über 100 m, 62 Sekunden über die Viertelmeile (402 m) und 4:52 Minuten über die Meile (1608 m).

4. März 1900: Erste Cross-SM («Cross-Country National») in Genf mit 47 mehrheitlich lokalen Teilnehmern unter dem Patronat der Sportillustrierten «La Suisse Sportive». Deren Herausgeber Dr. Aimé Schwob initiierte am 13. August 1905 die «Commission des Courses à pied et des Sports athlétiques», den späteren Athletik-Ausschuss der Swiss Football Association (Schweizerischer Fussball-Verband SFV).

26. Juli 1903: Erste inoffizielle Schweizer Leichtathletik Meisterschaft ausserhalb von Genf (in Zürich), vergeben durch die Union Athlétique Suisse (UAS), die sich 1905 mit dem Athletik-Ausschuss des Fussball-Verbands zusammenschliessen sollte (ab 1949 Schweizerischer Amateur-Leichtathletik-Verband SALV).

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1. Juli 1906: Erste offizielle Schweizer Meisterschaft in Genf, organisiert vom Servette Football Club. Nebst elf Einzeltiteln gab es auch eine Art «Kombination». Gekürt wurde der beste Läufer («Champion Suisse de course à pied») sowie der beste Athlet in den technischen Disziplinen («Champion Suisse d’athlétisme»). Titel- und Medaillenberechtigt waren auch Ausländer, sofern sie für einen Schweizer Klub starteten.

5. bis 9. Juli 1912: Erste Leichtathletik-Wettkämpfe – in Turnerkreisen «volkstümliche Übungen» genannt – am Eidgenössischen Turnfest in Basel. Trotzdem war es der Athletik-Ausschuss der Swiss Football Association, der 1913 dem Internationalen Amateur-Leichtathletik-Verband (IAAF) beitrat. Der Schweizerische Fussball-Verband hatte 1904 bereits zu den sieben Gründungsmitgliedern der FIFA angehört.

14. September 1913: Erste Mehrkampf-Meisterschaften in Zürich (Fünfkampf). Zur Zehnkampf-Premiere kam es erst 1919 in Bern, aber nicht nur: Gewertet wurde neben den Einzeldisziplinen auch ein 4-, 5-, 6- und ein 12-Kampf («Allkampf») mit den Disziplinen Weit, Hoch, Stab, Kugel rechts und links, Diskus, Speer, 100 m, 1500 m, 110 m Hürden und dem Heben des eigenen Körpergewichts in zwei Bewegungen.

23./24. August 1919: An den ersten zweitägigen Schweizer Meisterschaften in Bern wetteiferte man(n) auch um den Titel des «Athlète complet». Nicht weniger als zwölf Disziplinen, darunter «Schleuderball», mussten die Anwärter dazu bestreiten. Sieger wurde nicht der fünffache Einzelmeister Hermann Gass vom FC Basel – die Hürden bremsten den Fussballer aus –, sondern Constant Bucher (Cercle des Sports Lausanne, später Stade Lausanne), der keinen einzigen Titel gewann, jedoch alle Disziplinen beendete.

22. Juni 1924: Gründung des Eidgenössischen Leichtathleten-Verbands ELAV als Unterverband des Schweizerischen Turnverbands. Der bürgerliche STV reagierte damit auf den Schweizerischen Arbeiter-Turn- und Sportverband. Der SATUS hatte 1923 das volkstümliche Turnen abgeschafft und begann stattdessen, leichtathletische Wettkämpfe (für Männer und Frauen) zu organisieren, inklusive Arbeitermeisterschaften (ab 1924). Neben dem ELAV und SATUS gab es innerhalb der Turnerfamilie mit dem Schweizerischen Frauenturnverband (SFTV), Schweizerischen Verband Katholischer Turnerinnen und dem Schweizerischen Katholischen Turn- und Sportverband (Sport Union Schweiz) noch weitere Unterverbände mit unterschiedlichen (Leichtathletik-)Interessen.

4. Oktober 1924: Spatenstich zum berühmten Letzigrund. Die ersten Aschenbahnen lösten zuvor in Lausanne (Vidy) und in Genf (Varembé) sowie in Bern (Eichholz) und Basel (Schützenmatte) die Schlackenbahnen und Laufbahnen auf Fussballplätzen ab. In Fronarbeit von der Leichtathletik-Sektion des FC Zürich errichtet, dauerte es fast drei Jahre bis zur Fertigstellung. Das erste internationale Leichtathletik-Meeting wurde für den 12. August 1928 ausgeschrieben und konnte gleich mit einem Weltstar aufwarten: die finnische Lauflegende Paavo Nurmi lockte 3000 Zuschauer auf den Letzigrund. Ein Sitzplatz auf der gedeckten Tribüne kostete 4 Franken, ein Stehplatz 1.50 Franken.

12. Juli 1925: Erste Schweizer Staffelmeisterschaften in Basel mit Strecken von 4×100 m bis 10×100 m. Letztere figurierten bis 1970 im Programm. Staffelrennen, sogenannte «Quers», fanden auch ausserhalb der Bahn grossen Anklang. In den Städten Zürich, Bern und Basel traten regelmässig über 1000 Teilnehmer an. Anders als die SM standen diese Events auch Nicht-Leichtathletikvereinen offen.

1929: Der BSC Old Boys war der erste Deutschschweizer Leichtathletik-Verein, der auf das traditionelle weisse Wettkampftenü verzichtete. Stattdessen trugen die Athletinnen und Athleten – analog zu den Klubfarben – schwarze Hosen und ein gelbes Leibchen mit dem OB-Signet auf der Brust.

1932: Die ersten Schweizerischen Nachwuchswettkämpfe (SNWK), ein Vorläufer des UBS Kids Cups, wurden vom ELAV ins Leben gerufen, um die «jungen Burschen» auf den Militärdienst vorzubereiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte der Dreikampf die Freude an der Bewegung und im Speziellen an der Leichtathletik wecken. Mädchen wurden allerdings erst 1966 (versuchsweise) respektive 1967 (offiziell) zugelassen.

12. August 1934: Erste Schweizer «Damen»-Meisterschaften auf dem Zürcher Letzigrund mit neun Disziplinen: 100 m, 300 m, Hoch, Weit, Kugel, Diskus, Speer, Fünfkampf und 4×100 m. Zur gemeinsamen SM – ebenfalls in Zürich – kam es erst im Heim-EM-Jahr 1954.

1937: Erste Schweizer Vereinsmeisterschaften. Die Jahreswertung, die den Mannschaftsgedanken und Vielseitigkeit der Vereine förderte, sorgte für eine Breitenwirkung, aber auch für den einen oder anderen Exzess. So wurden die Sprints bei Gegenwind mithin auf die Gegengerade verlegt, um mit einem Rückenwind von 5 m/s möglichst viele Punkte zu sammeln. Old Boys Basel gewann 1943 den ersten Final vor dem LC Zürich und der GG Bern. Die gleiche Reihenfolge resultierte bei der Frauen-Premiere 1946.

27. Juli 1941: Erster offizieller Weltrekord auf Schweizer Boden: Ilsebill Pfenning (SA Lugano) überquerte die Latte als weltweit dritte Frau auf der Höhe von 1,66 m. Die Schweizer Hochsprungmeisterin von 1936 bis 1941 egalisierte im Rollstil («Western Roll») den Weltrekord der Britin Dorothy Odam (1939) und Südafrikanerin Esther van Heerden (1941), eine Marke, die auf nationaler Ebene fast 28 Jahre Bestand haben sollte. International tauchte Pfennings Name allerdings erst 1976 in den Rekordlisten auf. Offenbar hatte der Schweizerische Fussball- und Athletik-Verband und dessen Nachfolger, der Schweizerische Amateur-Leichtathletik-Verband, das Rekordprotokoll nie an den Weltverband weitergeleitet, in der Annahme, der Weltrekord stünde noch bei 1,70 m. Diese Vermutung war nicht unbegründet.

18. September 1938: An der Frauen-EM-Premiere 1938 in Wien hatte Pfenning die Finalqualifikation mit 1,55 m verpasst. Gewonnen wurde die Konkurrenz von der deutschen Dora Ratjen, die mit 1,70 m einen vermeintlichen Weltrekord aufstellte. Vermeintlich deshalb, weil sich die «Europameisterin» und «Weltrekordhalterin», an den Olympischen Spielen in Berlin 1936 bereits «Vierte» geworden, im Nachhinein als Mann herausstellte (siehe Film «Berlin 36»). Ein Mann, den die Nazis jahrelang dazu missbraucht hatten, sich als Athletin auszugeben. Als auskam, dass sich Ratjen sein Geschlecht nach oben gebunden hatte, um bei den Frauen starten zu können, wurde er von der IAAF mit einer lebenslangen Sperre behaftet. Später liess er seinen Taufnamen auf Heinrich «Heinz» Ratjen umschreiben. Sämtliche Erfolge – und Weltrekorde – wurden ihm nachträglich aberkannt. So kam Ilsebill Pfenning-Fiechter doch noch zu Weltrekordehren. Der Statistiker Fulvio Regli hatte das Originalprotokoll in den siebziger Jahren bei seinen Recherchen im Zusammenhang mit Roman Bussmanns Buchband «Menschen, Meter und Minuten» zufälligerweise gefunden… (M. S.)

1954: Die Europameisterschaften auf dem Berner Neufeld waren beste Werbung für die internationale Leichtathletik – wenngleich sich die bürgerlich geprägte Schweiz ausserhalb der SATUS-Vereine schwertat mit der Übermacht der Ostblockathleten (die Sowjetunion, Tschechoslowakei und Ungarn eroberten über die Hälfte der 105 Medaillen). Die erfolgreichsten Einheimischen waren Jean-Jacques Hegg (SC Rotweiss Basel) und Fritz Portmann (LC Biel) als jeweils Fünfplatzierte über 400 m und im Dreisprung.

1959: Gründung der Schweizer Gemeinschaft für Volksläufe, die zuvor als «wilde», weil nicht von den Verbänden organisierte Veranstaltungen abgetan worden waren. Zusammen mit der Laufbewegung um die Westschweizer Zeitschrift «Spiridon» (ab 1972) und den 1975 ins Leben gerufene «Spiridon-Club de Suisse» (SCS) erreichte die Gemeinschaft deutlich mehr Läuferinnen und Läufer als der Leichtathletik-Verband, der sich – abgesehen von der Cross- und Marathon-SM – primär um die lizenzierten Bahnläufe(r) kümmerte.

7. März 1965: Erste Cross-SM mit weiblicher Beteiligung in St. Gallen. Laufdistanz für die Frauen: etwas mehr als einen Kilometer…

1967: An den Schweizerischen Frauenturntagen in Bern durften die Teilnehmerinnen erstmals zu leichtathletischen Einzelwettkämpfen antreten, allerdings nur anonym unter Nennung der Leistung und Kantonsherkunft in der Rangliste. So begann das Hochsprung-Klassement mit: «1. eine Aargauerin 1,45 Meter.» Dabei handelte es sich um die spätere 400-m-Rekordläuferin und Verbandsfunktionärin Vreni Leiser-Vogt (BTV Aarau). Im gleichen Jahr nahmen mit TV Länggasse Bern und dem TV Malters auch Turnvereine an den Frauen-SVM teil.

4. Dezember 1971: Der Eidgenössische Leichtathleten-Verband ELAV und der Schweizerische Amateur-Leichtathletik-Verband SALV lösten sich nach jahrelangen Grabenkämpfen auf und fusionierten zum Schweizerischen Leichtathletik-Verband (SLV, seit 1. November 2006 Swiss Athletics).

Quelle: Swiss Athletics

Der lange Weg zum Einheitsverband – Swiss Athletics

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author: GRR