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Johannes Vetter - Symbolfoto - Germany's Johannes Vetter set a European leading mark in the javelin at the Kuortane Games on Saturday - 2019 World Outdoor Championships Doha, Qatar Sept27-Oct 06, 2019 Photo: Victah Sailer@PhotoRun Victah1111@aol.com

Corona und Olympia: Die Bauchschmerzen der normalen Sportler – Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

By GRR 0

„Wir werden gehört“, sagt der Vorsitzende des Vereins Max Hartung.

Athleten Deutschland gewinnt zunehmend an Einfluss. Der Verein warnt vor den Corona-Gefahren der Qualifikationen für Olympia. Doch beim IOC stößt die Vertretung von Sportlerinnen und Sportlern auf Ablehnung.

Zulauf bei den Mitgliedern, Unterstützung von der Politik – der Verein Athleten Deutschland könnte hochzufrieden sein. Von 45 auf 1002 ist die Zahl seiner Mitglieder gestiegen, allesamt Kaderathleten. Max Hartung, Vorsitzender der selbständigen Vertretung von Sportlerinnen und Sportlern, war erst in der vergangenen Woche Gast der Sportminister der Länder bei deren Jahrestagung. An diesem Wochenende schalteten sich Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, und Beate Lohmann zu, die Abteilungsleiterin Sport im Bundesinnenministerium. „Wir werden gehört“, konstatierte der Säbelfechter. „Wir erleben offene Türen bei den politischen Entscheidungsträgern. Sie wünschen den Austausch.“

Geführt wird der Verband von einer Geschäftsstelle in Berlin mit sechs Beschäftigten, finanziert vom Staat.

Im Sport allerdings ist das anders. Die Herausforderung liege im Verhältnis zu den Verbänden, sagte Johannes Herber, Geschäftsführer von Athleten Deutschland, nach der Mitgliederversammlung am Samstag. An der ortlosen, weil per Videokonferenz abgehaltenen Veranstaltung nahmen knapp achtzig Sportlerinnen und Sportler teil.

Von dem Umstand, der Stimme der Athleten Gehör zu verschaffen, sei es noch ein Schritt zu der Möglichkeit und dem Recht mitzugestalten, merkte Herber an. „Wir sitzen in keinem Gremium, in dem wir mitbestimmen“, sagte der ehemalige Basketball-Profi: „Von Entscheidungen internationaler Verbände sind wir noch weitgehend ausgeschlossen.

Das Verhältnis zum Weltsport illustriert ein schmerzhafter Stich, den Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und einstiger Florettfechter, vor bald vier Wochen setzte. Da ließ er sich von Speerwurf-Weltmeister Johannes Vetter stellvertretend für die potentiellen Olympiateilnehmer Deutschlands in einem öffentlichen Gespräch auf Instagram dazu befragen, wie die Olympischen Spiele, wegen der Pandemie von dem vergangenen auf den Sommer 2021 verschoben, unter der Bedrohung durch das Coronavirus vonstattengehen könnten. Athletenvertreter Hartung, noch vor zwei Jahren eingeladen zum persönlichen Gespräch mit Bach am Sitz des IOC in Lausanne, war lediglich als schweigender Zuschauer dabei.

Bach soll zuhören

Der Patron des Weltsports machte deutlich: Seine Gesprächspartner sucht er sich immer noch selbst aus; Athleten Deutschland ist dabei nicht erste Wahl. Es war die Sportschützin Manuela Schmermund, die alle diplomatischen Formen fahren ließ und den Vorgang am Samstag so kommentierte: „Dass ein Verbandspräsident mit den Menschen spricht, die ihm nach dem Mund reden, ist im IOC nichts Fremdes.“ Vetter sei nicht legitimiert gewesen, für die deutschen Athleten zu sprechen. Immerhin: Der Favorit Bachs und erste Anwärter auf den Olympiasieg im Speerwurf ist Mitgliedschaft von Athleten Deutschland.

Sich auf der großen sportpolitischen Bühne, beim Internationalen Fußballverband Fifa, dem europäischen Fußballverband Uefa wie beim IOC Gehör zu verschaffen bedürfe einer breiten Basis und internationaler Koalitionen. „Daran arbeiten wir“, versprach die Paralympics-Athleten Schmermund: „Irgendwann wird auch ein Herr Bach nicht darum herumkommen, die normalen Athleten zu hören, die nicht politisch aktiv sind wie gewisse Wada- und IOC-Vertreterinnen und -Vertreter.“

Könnte sein, dass sie damit Kirsty Coventry meinte, die Vorsitzende der Athletenkommission des IOC, Mitglied der IOC-Exekutive, mit Sitz und Stimme im Gründungsrat der Welt-Anti-Doping-Agentur, die der Kommission zur Vorbereitung der Olympischen Jugendspiele von Dakar 2026 vorsitzt und zudem Sportministerin ihres Heimatlandes Zimbabwe ist.

Viele Fragen bleiben unbeantwortet

Vetter habe viele wichtige Fragen gestellt, ergänzte Hartung. Der Großteil sei allerdings nicht beantwortet worden, inklusive der Frage, ob er, Vetter, wenn er in Tokio positiv getestet würde, aber keine Symptome zeige, antreten dürfe. In diesem Fall, für diese Prognose muss man kein Experte sein, dürfte dem stärksten Speerwerfer der Welt Quarantäne blühen statt Siegerehrung.

Als Hartung im März live im Aktuellen Sportstudio ankündigte, dass er persönlich wegen der Gefahr durch die Pandemie nicht an den damals noch bevorstehenden Olympischen Spielen von Tokio teilnehmen werde, machte er damit Schlagzeilen. Und wieder stehen die Sportlerinnen und Sportler vor der Frage, was sie riskieren wollen, welche Risiken sie eingehen sollen, um in Tokio 2021 Deutschland zu vertreten. Zwar ist der Wettkampfbetrieb weltweit weitgehend ausgesetzt. Doch die Vorbereitung auf die in acht Monaten beginnenden Sommerspiele hat längst begonnen. Hartung sagt, die Vorstellung bereite ihm größte Bauchschmerzen, dass Qualifikationswettkämpfe in Ländern stattfänden, in denen die Fallzahlen hoch und die Präventionsstandards lax sind.

Die Athleten pochten darauf, dass nur Freiwillige – übrigens nicht nur unter Sportlerinnen und Sportlern, sondern auch unter Trainern und Betreuern – zu solchen Wettbewerben reisten. Darüber hinaus erinnerte er daran, dass sich Sportlerinnen und Sportler in Trainingslagern infiziert haben.

Wer in ein solches eingeladen werde, mahnt Hartung, müsse die freie Wahl haben, sich dafür oder dagegen zu entscheiden – ohne dass eine Absage negative Konsequenzen habe.

Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Montag, dem 16. November 2020

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