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22
11
2020

1974 waren v.l. Klaus Paukner, Wolfgang Müller, Peter Baumann, Hartwig Zörner, Rainer Knoch, Hans-Joachim Römhild, Jens Wötzel und Hans-Georg Kremer dabei. Ganz rechts unsere medizinische Betreuerin Gudrun Zimmer. Das Foto wurde vor der feierlichen Verabschiedung der Gruppe auf vor der Salzmannschule in Schnepfenthal aufgenommen.

GutsMuths-Rennsteiglauf – Auswirkungen des GutsMuths-Rennsteiglaufs auf den „Volkssport“und die Laufbewegung in der DDR – Dr. Hans-Georg Kremer

By GRR 0

Die Auswirkungen des GutsMuths-Rennsteiglaufs auf den „Volkssport“ besonders auf die Laufbewegung in der DDR sind schon unter verschiedenen Aspekten beleuchtet worden.

Dabei gab es in Randbemerkungen häufig den Hinweis, dass sich das Vorbild dieses Laufs auch auf die Gründung und Entwicklung neuer Laufveranstaltungen ausgewirkt hat. Man könnte ergänzen, auch auf die Gründung und Entwicklung von Laufgruppen in den unterschiedlichsten Organisationsformen.

Diese beiden Fragen wollen wir in dieem Beitrag etwas genauer beleuchten, wobei sich der Autor vorwiegend auf seinen Tätigkeitsbereich bzw. geographisches Umfeld bezieht.

Bereits die ersten Testläufe für den Rennsteiglauf ab 1971 gingen von einer „Laufgruppe“ aus. Diese war eine Trainingsgruppe in der Sektion Orientierungslauf (OL) der BSG Lokomotive Weimar, die sich auf die Teilnahme von Orientierungsläufen vorbereitete. Dabei wurden nach den 1. DDR-Meisterschaften im Langstrecken-OL, die 1970 zwischen Eisenberg und Jena stattfanden, zunehmend lange Strecken, zum Teil über 20km, ohne Orientierungsaufgaben, trainiert. Bei solchen langen Läufen war meist Gruppentraining angesagt.

Unter den damaligen Akteuren besteht heute Einigkeit, dass im Herbst 1970 bzw. Winter 1971 bei einem solchen Trainingslauf, der auf dem Sportplatz Falkenburg in Weimar gestartet wurde, die Idee zu einem Etappenlauf über den Rennsteig entstand.

 

Das vielfach veröffentliche Foto vom Start dieses 130km-Rennsteig-Dauerlaufs 1971 bildete einige Teilnehmer der Gruppe ab, ist aber zu unserer Themenstellung nicht ganz stimmig, da z. B. links Gerhard Porsche zu einer OL-Trainingsgruppe in Jena gehörte und sich wohl unser Betreuer Lothar Erbs, der hier als Fotograf betätigte, zur OL-Gruppe in Weimar gehörend, so lange Trainingsläufe nicht mitmachte. Es fehlt auch Peter Baumann, der wegen einer leichten Krankheit nicht mitstarten konnte aber am dritten Tag des mehrtägigen Dauerlaufs als Teilnehmer einstieg.

In der weiteren Folge verlegte ein Teil der Akteure ihren Lebensmittelpunkt durch Studium nach Jena, wo die Trainingsgruppe unter dem Dach der Hochschulsportgemeinschaft (HSG) Uni Jena, anfangs in der Sektion Wintersport, später in der eigenständigen OL-Sektion ihr regelmäßiges Training absolvierte und Wettkämpfe besuchte. Dabei standen einige „Ausdauerläufe“, nach damaliger Verbandseinordung, die zum Deutschen Verband für Leichtathletik (DVfL) gehörenden Straßenläufe auf dem Programm, wie die Greizer Straßenläufe oder der 25km-Buchenwald-Gedenklauf. Wettkampfteilnahmen bei Ols standen aber im Mittelpunkt. Erst die Vorbereitung auf den nach heutiger Zählung 1. GutsMuths-Rennsteiglauf brachte neue Trainingsmethoden mit sich. Als „sportwissenschaftlich“ vorbelastete Akteure, zwei Sportstudenten und ein Assistent der Sportwissenschaft an der Uni Jena gehörten zu den Hauptakteuren, wurden sowohl der Tagesrhythmus, die Ernährung als auch die Streckenlänge auf den geplanten ca. 100km langen Lauf angepasst. Der damalige Sportstudent Jens Wötzel erinnerte sich später an einen der Trainingsläufe, der ähnliche Aktionen in den Jahren davor gut beschreibt:

„In der Nacht von Gründonnerstag zu Karfreitag sind wir 1975 in Vorbereitung auf den GMRL-Nachtstartlauf zu einem Trainingslauf unterwegs gewesen. Von Lobeda aus ging es über die Dörfer Gernewitz etc. um die Leuchtenburg herum nach Kahla und auf der Landstraße über Rothenstein / Maua wieder zurück nach Lobeda. Und das ganz ohne den heute üblichen Service…“

Schon für 1974 wurde die Trainingsgruppe in Vorbereitung auf den 2. GutsMuths-Rennsteiglauf größer und bestand vorwiegend aus Studenten.

1974 waren v.l. Klaus Paukner, Wolfgang Müller, Peter Baumann, Hartwig Zörner, Rainer Knoch, Hans-Joachim Römhild, Jens Wötzel und Hans-Georg Kremer dabei. Ganz rechts unsere medizinische Betreuerin Gudrun Zimmer. Das Foto wurde vor der feierlichen Verabschiedung der Gruppe auf vor der Salzmannschule in Schnepfenthal aufgenommen.

Durch „Mund zu Mund-Propaganda“ als auch durch einen Aushang im Sportinstitut animiert, wurde diese Trainingsgruppe 1975 zahlenmäßig immer größer.

Im Arbeitsplan der Sektion OL der HSG Uni Jena, war für das Studienjahr 1974/1975 festgelegt worden: „Durch den neuen Kollegen H. Kremer werden im Studentensport folgende Entwicklungen eingeleitet:Aufbau der HSG Sektionen Orientierungslauf und Ausdauerlauf.

Einführung der Sportarten Orientierungslauf, Ausdauerlauf, Sportschießen und Reha-Wandern in dem obligatorischen Studentensport.“

Bekannt ist das Foto, wo der Kern der Trainingsgruppe, die gleichzeitig auch zum Organisationsteam gehörten, am Ende des Starterfeldes des „Taschenlampenstarts“ den 3. GutsMuths-Rennsteiglauf 1975 in Angriff nahm

Insgesamt zwölf Läufer kann man zählen, die vom Schirmherr Prof. Dr. Willi Schröder (links) am Heuberghaus verabschiedet wurden: v. l. Jörg Gräbedünkel, Jens Wötzel, Roland Berndt, Wolfgang Müller, Klaus Hobrack (kein Student aber Schöpfer des Rennsteiglauf-Logos), Hans-Georg Kremer (wissenschaftlicher Assistent), Wolf-Dieter Wolfram, ein nicht zu identifizierender Student, Peter Baumann, Rainer Knoch (ohne Startnummer Betreuer) und Hubert Brühl.

Sieht man die noch erhaltenen Anmeldungen dieses Laufs von 1975 genauer durch, dann kann man einige Gruppen erkennen, die sich offensichtlich in Vorbereitung auf den Rennsteiglauf zusammengefunden hatten. So meldeten Werner Weimar von der Wilhelm-Pieck-Oberschule Gera 12 Schüler der Arbeitsgemeinschaft Touristik; aus Zella-Mehlis meldete eine Gruppe Wintersportler; Irma Berseck von Lok Magdeburg, Spfr. Völksch von Post Erfurt, Wilfried Zapfe von der Hochschule in Weimar, und Henner Misersky von der HSG Ilmenau sind weitere „Gruppenverantwortliche, die zum Rennsteiglauf die Meldeunterlagen abgaben. Viele dieser Gruppen waren in Wander- und Bergsteiger-, Wintersport- oder Leichtathletik-Sektionen ihrer BSG’n organisiert.

Auf Grund des starken Interesses an einer Teilnahme für das kommende Jahr, am Rennsteiglauf 1976 und auf der Grundlage des Arbeitsplanes der HSG Uni Jena wurde in der Lokalausgabe der Volkswacht in Jena am 30. September 1975 folgender Artikel veröffentlicht:

„Für GutsMuthsläufer:

Entsprechend der Auswertung des GutsMuths-Gedenklaufes 1975 und der starken Nachfrage unter Jenas Volkssportlern wird im Oktober eine Trainingsgruppe „GutsMuths-Rennsteigläufer“ gebildet. Unter Anleitung eines erfahrenen Übungsleiters und unter ständiger medizinischer Kontrolle können sich Interessenten auf den GutsMuthslauf 1976 vorbereiten.

Erster Treffpunkt ist am Donnerstag, den 9. Oktober, 17.00 Uhr, in der Sektion Sportwissenschaft, Seidelstraße 20.

H. Kremer“

Damit war die Gründung einer Läufergruppe bei der HSG, zu der beim ersten Training 18 Interessenten erschienen, als eigenständige Trainingsgruppe in der Sektion Orientierungslauf vollzogen. Das Ziel war die Vorbereitung auf die lange Strecke des Rennsteiglaufs 1976. Innerhalb kürzester Zeit vergrößerte sich diese Gruppe, und kurz vor dem Rennsteiglauf 1976 konnte man in der Universitätszeitung unter der Überschrift: „Freizeitsportinteresse steigt“ folgende Notiz lesen:

„Seit Beginn dieses Jahres wurden sechs neue Freizeitsportgruppen an unserer Bildungseinrichtung gegründet. In einer davon betreiben über 50 Mitarbeiter unter Leitung von Dr. Krämer (sic) (Sektion Sportwissenschaft) regelmäßig Ausdauerlauf.“[1]

Zum Rennsteiglauf waren dann 106 Jenaer, davon 56 aus der HSG Laufgruppe angemeldet.[2]

Ein Teil der HSG-Laufgruppe, zu der inzwischen auch einige Frauen gehörten, beteiligten sich im Juni an einem „Fackellauf“ vom Konzentrationslager Buchenwald über 35km nach Jena, von wo sie das „ewige Feuer“ zur Eröffnung des Universitätssportfestes holten.

 

 

Diese Laufgruppe unterstütze auch die Gründung weiterer Laufgruppen in Jena und sogar in Rudolstadt bei der BSG Chemie Schwarza. In Jena wurden in den Folgejahren bei der BSG Carl Zeiss Jena Süd und der WSG Neulobeda eigenständige Laufgruppen gegründet.

 

 

 

 

Auf dem Foto sind Lothar Seifarth, Dr. Dieter Blechschmidt und Gerhard Rötzschke von der HSG bei der Gründung einer Laufgruppe der BSG Chemie Schwarza zu sehen.

1977 kann die HSG-Leitung in einem Rechenschaftsbericht konstatieren:

„Die Trainingsgruppe hat z. Zt. 80 Mitglieder davon 20 Studenten, die ihren obligatorischen Sportunterricht im Ausdauerlauf absolvieren.

Die Trainingsgruppe hat inzwischen Nachfolger-Trainingsgruppen gegründet, durch Studenten in Frankfurt/Oder und in Rudolstadt, weitere Aktivitäten der Gruppe sind 30km Läufe (Fackellauf) von Buchenwald nach Jena, der zu Uni.-Sportfesten, Studentenmeisterschaften und Stud.- Spartakiaden stattfand. Geplant ist ein 50-km-Lauf Rund um die Saaletalsperre”, der findet 1977 am. 17.9. statt.

In Zusammenarbeit mit Chemie Schwarza ist ein 100 km-Lauf von Buchenwald nach Leipzig zur Eröffnung des VI. Turn- u. Sportfestes der DDR vorgesehen.“

Letzteres konnte nicht realisiert werden, dafür aber ein Marathon im Rahmen der Meilenläufe zum Turn und Sportfest 1977 in Leipzig, an dem sich fast 100 Läuferinnen und Läufer beteiligten

 

Außerdem organisierte die Trainingsgruppe ab 1976 die „Obergneuser Geländelaufe“[3] als Rennsteiglauf-Vorbereitungsläufe, zu denen bis zu 50 Läuferinnen und Läufer aus der Region kamen und gemeinsam Strecken bis zur Marathonlänge liefen.

Weitere Nachfolgegründungen der HSG-Läufergruppen gab es in Jena in Frankfurt/O. und in Gera.

„Im Herbst 1978 trafen sich 12 Läufer im Klubraum des Geraer Stadions der Freundschaft, darunter Karl-Heinz Pohl (SED Gebietsleitung) zur Gründung einer Laufgruppe. Dr. H. Kremer von der HSG Uni Jena /Chemie Schwarza übernimmt die fachliche Anleitung. Am 11. November wird es eine selbstständige Abteilung der BSG Wismut unter Leitung von Martin Nimptsch. Zur Leitung gehören noch Heinz Kieshauer, und Helmut Beer. Diese Gruppe übernimmt dann die Leitung beim Silvesterlauf“, konnte man in einer kleinen Zeitungsnotiz zu lesen.[4]

Jahre später konnte die Geraer Läufergruppe bei der BSG Wismut eine stolze Bilanz aufmachen.

Der Absolvent des Jenaer Sportinstituts Hartwig Zörner, einer der Akteure der Laufgruppe in Frankfurt/ O., schrieb über die Entwicklung seiner Laufgruppe:

„Ich habe mir heute mal die Zeit genommen und in alten Ergebnisprotokollen des Rennsteiglaufs von 1975 bis 1991 herumgestöbert… Ab 1977 sind wir als Laufgruppe der BSG Einheit gemeinsam mit einem Bus angereist und hatten uns entsprechende Quartiere besorgt. Spätestens ab 1980 haben wir das Training intensiviert und unsere Ansprüche erhöht. So blieben die Erfolge nicht aus. Bis 1991 hatten es mit Bodo Krüger, Armin Bochmann, Udo Mattke, Bernd Kiele und Hartwig Zörner fünf meiner Laufgruppe ein oder mehrmals auf das Siegerpodest in den einzelnen Altersklassen bei den Männern (jeweils Platz 1 bis 6) geschafft. Noch erfolgreicher waren unsere jungen Damen Beatrix Wernicke und Marid Helbig (später Borchardt). 1981 wurde Beatrix Wernicke Gesamtsiegerin auf der langen Strecke (4. Platz für Marid Helbig). 1983 siegte dann Marid Helbig. Weitere Male standen beide in den 80er Jahren auf dem Treppchen in den Altersklassen. 1987 ist Beatrix im Protokollheft von 1990 als Siegerin ausgewiesen, was allerdings nicht stimmt. Sie gewann „nur“ ihre AK und wurde Gesamtdritte…Beatrix Wernicke kam 1980 aus Strausberg an die Pädagogische Schule für Kindergärtnerinnen in Frankfurt (Oder), wo ich unterrichtete. Sie war gut ausgebildete Langsprinterin und ich konnte sie für die Ultraläufe begeistern. Im März lief sie 3:08:31 Std. neue DDR- Bestleistung im Frauenmarathon und bald darauf gewann sie doch etwas überraschend den langen Kanten in Thüringen. Sie konnte sich ohne Ende quälen. Mir gelang der Sprung auf das Podest 1988 in der AK 35 bis 44 Jahre mit Platz sechs von immerhin über 1500 Startern. Ein Jahr zuvor konnte ich in Kosice beim Friedensmarathon meine Bestleistung im Marathon auf 2.38:17 Std. verbessern. Mein negativstes Erlebnis beim Rennsteiglauf geschah 1991 als mein Freund Bernd Kiele über 65 Km eigentlich die Altersklasse 2 gewonnen hatte, aber wegen des Dollen Charlys (deutscher

Berglaufmeister aus dem Schwarzwald) auf den zweiten Platz gesetzt wurde. Der Koch aus dem Restaurant in Titisee hatte sich verlaufen, sollte aber als Prominenter das Renomee dieser Veranstaltung aufpolieren. Mit Sport hatte das aber nicht mehr viel zu tun.“

Aus der Ausdauerlaufgruppe der Sektion OL bei der HSG Uni Jena wurde 1980 eine selbständige Sektion Ausdauerlauf mit 40 Mitgliedern. Als Sektionsleiter wurde Rolf Schoder gewählt. Weitere Leitungsmitglieder waren Jens Wötzel, Ekkehard Gläser, Matthias Günther. Heinrich Fricke wird Gesamtleiter des Kernberglaufes.[5]

Sie stellt sich in ihrem ersten Arbeitsplan u. a. folgende Aufgaben:

– Intensivierung des Trainingsbetriebes

– Gewinnung neuer Übungsleiter

– abwechslungsreichere Trainingsformen

– Förderung nicht so leistungsstarker Läufer

– Organisation einiger gemeinsamer Veranstaltungen (2-3 Läufe in Jena)

– Organisation des Jenaer Kernberglaufs

– Gemeinsames Lauftraining der Frauen mit der WSG

– Zusammenarbeit mit dem Studentensport.[6]

Ähnlich diesen Beispielen lassen sich sicher genügend Beispiele finden, wo im Zusammenhang mit dem GutsMuths-Rennsteiglauf Laufgruppen entstanden und wo sie noch heute existieren.

Dr. Hans-Georg Kremer

[1] Sozialistische Universität Nr. 7 vom 28.4.1976 S. 1.

[2] TLZ vom 15.5.1976.

[3] Sozialistische Universität Nr. 5 vom 16.12.1977, S. 8.

[4] Aktenmaterial Universitätssport 2009.

[5] Archivmaterial Sektion AL im Uni-Sportaktenmat. Bestand Kremer vom Jan. 2012.

[6] Handschriftliches Protokoll von Rolf Schoder in Bestand Uni-Sport Kremer (Dezember 2011)

Kannibalisierung unter Laufveranstaltungen – Dr. Hans-Georg Kremer

 

author: GRR