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2021

wU20-Spitze mit Sofia Benfares (1631), Johanna Pulte (342) und Jasmina Stahl (1433) - Foto: Tomas Ortiz-Fernandez

Starker U20-Nachwuchs sorgte für die Höhepunkte beim Darmstadt-Cross 2021 – Von Ludwig Reiser

By GRR 0

Beeindruckende Leistungsdichte und packende Kämpfe um die Spitzenplätze sind die herausragenden Merkmale der U20-Qualifikationen für die Cross-Europameisterschaften, die zweifellos die Höhepunkte des traditionsreichen Darmstadt-Cross auf dem idealen Crossgelände in der Heimstättensiedlung waren.

Und die etwas flapsig als „Kamelbuckel“ von vielen alten Crosshasen bezeichneten Erdwälle auf dem ansonsten flachen, komplett einsehbaren Crossparcours waren nicht für die Fotografen ein besonderes Highlight, sondern auch Faktoren, die letztlich in manchen Rennen entscheidend für die Tagessiege und die Platzierungen vorrangig bei den Nachwuchsrennen über 6.600m bzw. 4.200 m waren.

Dabei mischten der Schweizer Nachwuchsläufer, die mit insgesamt 30 Startern einen erstaunlichen Anteil an den erfreulich großen U20-Wettbewerben hatten, in den lange Zeit sehr kompakten Spitzengruppen prächtig mit. Auch wenn Ali Abdi Salam für den LC Uster startet, ist er trotz über fünfjährigen Aufenthalt in der Schweiz nicht für internationale Einsätze für  den Schweizer Leichtsthletik-Verband startberechtigt. In Darmstadt jedenfalls zeigte er nicht nur, dass er derzeit der beste U20-Athlet der Schweiz ist, sondern auch der gewiss stark vertretenen DLV-Spitze ihre Grenzen auf.

Mit einem furiosen Antritt in einem der drei „Kamelbuckel“ setzte er sich Meter um Meter von der eigentlichen Spitze, die zumeist von 5000 m-Meister Benjamin Dern und dem EM-Fünften über 3000 m Hindernis Kurt Lauer gebildet wurde, ab und lief einem beeindruckenden Sieg entgegen. Mit 22:09 Minuten lag er dabei in der Zeitdifferenz und den Verfolgern „nur“ vier Sekunden voraus, es war allerdings eine Demonstration des 19jährigen Somaliers, der seinen Landsmann Mo Farah als Vorbild im Siegerinterview im besten „Schwizzerdütsch“ nannte und auch sehr gerne internationale Medaillen gewinnen möchte. Der Auftritt von Ali Abdi Salem zeigte aber auch deutlich, wo es den besten deutschen Nachwuchsläufern derzeit noch mangelt, nämlich an der Tempohärte und dem Umschalten einer hohen Grundgeschwindigkeit bei Tempoverschärfungen.

Dies sollte jedoch freilich den starken Auftritt der deutschen Läufern schmälern, denn diese gingen wie Benjamin Dern beherzt das Rennen an und dürften mit der Nominierung für die Cross-EM auch belohnt werden. In einem furiosen Endspurt rettete Dern zumindest Rang zwei vor dem anstürmenden Kurt Lauer. „Ich habe mich gut gefühlt und wollte schnell starten, damit ich vorne etwas freier laufen kann“, beschrieb Benjamin Dern anschließend seine Renn-Taktik. „Die Jungs waren stark, haben anfangs wirklich attackiert, ich war aber am Ende noch etwas stärker!“ bekannte Ali Abdi Salam. „Es ist für mich natürlich schade, dass ich bei der EM nicht dabei sein und für die Schweiz punkten kann!“

Nach einer kleinen Lücke folgte mit dem erst 17jährigen Hamza Hariri ein weiteres Talent, das es ebenso künftig zu beachten gilt wie der als siebtbester Deutscher auf Rang 11 einlaufende 17jähriger Lukas Ehrle, der nach einem eher mäßigen Start eine bemerkenswerte Aufholjagd ging und Läufer um Läufer überholen konnte.

Leistungsstarke mU20 mit v.r. (Benjamin Dern/ 1852), Constantin Carls (verdeckt), Ali Abdi Salam (1860), Kurt Lauer (1855) und Leo Lädermann (1865) -Foto: Tomas Ortiz-Fernandez

Ein Herzschlagfinale gab es bei den U20-Juniorinnen über 4.200 m zwischen Jasmina Stahl und Johanna Pulte, das erst auf der Ziellinie von der für Hannover 96 startenden Jasmina Stahl in 15:40 und drei Sekunden Vorsprung auf die Sauerländerin Johanna Pulte endete. Nach einer Einführungsrunde übernahm Johanna Pulte das Heft in die Hand und sorgte dafür, dass sich eine etwa zehnköpfige Spitzengruppe mehr und mehr auseinanderzog. So hatte sich eingangs der letzten Runde ein Quintett an der Spitze gebildet – mit der U20-EM-Fünften über 5.000 Meter Jasmina Stahl immer an den Fersen von Johanna Pulte. So blieb es letztlich bis auf die Zielgeraden.

„Ich bin sehr glücklich“, freute sich Jasmina Stahl, „ich bin mit dem Ziel hierhergekom              men, mich für die Cross-EM zu qualifizieren. Am Anfang habe ich einfach versucht dranzubleiben und hinter der Spitze Kräfte zu sparen. Der Plan ist aufgegangen.“ Ähnlich will sie es nun auch in Dublin halten – mitgehen, das Beste geben und dann schauen, was möglich ist!“

Auf Platz drei kam die Schweizerin Livia Wespe dem deutschen Spitzen-Duo dann doch noch einmal sehr nahe und wurde bei Zeitgleichheit mit Johanna Pulte registriert.

„Dass es hier gleich für die direkte Qualifikation reicht, damit hätte ich nicht unbedingt gerechnet. Ich konnte in den letzten Wochen wegen einer Wadenverletzung nur alternativ trainieren und wusste überhaupt nicht, wo ich stehe!“.Das weiß Johanna Pulte nunmehr, freilich auch zur Freude ihres Trainers Egon Bröcher.

Wenn schon von Talenten die Rede ist, dann fällt nach den Eindrücken beim Darmstadt-Cross gewiss auch der Name Jolanda Kallabis. Die 17jährige demonstrierte beim Sprint-Cross über zweimal 600 m ihre derzeitige Verfassung und gewann das Finale von der Spitze weg nach 1:51,1 Minuten. Auch wenn sie im September noch den deutschen Rekord über 2000 m Hindernis verbesserte, für die Saison 2022 möchte sie allerdings den 400 m und 800 m den Vorzug geben – bevor es zurU20-EM gehen soll.

Teil zwei der Cross-EM-Qualifikation steigt am kommenden Sonntag (28. November) in Pforzheim, wo die weiteren U20-Plätzevergeben werden wie auch die der Männer, Frauen und U23. Dann werden auch Vera Coutellier und Lisa Oed am Start sein, die beim Darmstadt-Cross die Frauen-Challenge (eine Kombination von 5500 m und 1250 m) als eine gute Trainingseinheit ansahen und die Plätze 1 und 3 belegten, dazwischen konnte sich Kim Bödi vom VfL Sindelfingen schieben. Die Cross-Challenge der Männer sicherte sich der für den ASC Darmstadt laufende Äthiopier Degen Atanaw Ayele nach 24:44 und einer Minuten Vorsprung auf Nikita Rode vom PSV Wismar.

Trotz der aktuellen Corona-Bedingungen wurde der Darmstadt-Cross unter diesen besonderen Gegebenheiten als reine Outdoor-Veranstaltung einmal mehr ein Erfolg, zumal viele Läufer das Stückweit Normalität besonders schätzten.

Die Teilnehmerzahlen wurden entsprechend mit 352 nahezu halbiert, was sich insbesondere bei den Langstreckenrennen der Männer und Frauen deutlich zeigte, zumal die EM-Quali der Aktiven in der Folgewoche in Pforzheim stattfinden und viele Stammläufer der Traditionsveranstaltung nach einer „late season“ auf der Straße gerade erst wieder ins geregelte Training eingestiegen sein dürften. 

Ludwig Reiser

 

 

 

 

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