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07
2022

Die Äthiopierinnen dominierten das 5.000-m-Finale bei der WM. - Foto: Getty Images for World Athletics EUGENE, OREGON - JULY 16: Athletes compete in the Women’s 1500 Meter Semi-Final on day two of the World Athletics Championships Oregon22 at Hayward Field on July 16, 2022 in Eugene, Oregon. (Photo by Andy Lyons/Getty Images for World Athletics)

ABGESTÜRTZT! TILT! DAS DLV-FISKAO BEI DER WM Oregon22! Kommentar und Analyse zu Gründen des Absturzes der deutschen Leichtathletik von Dr. Wolfgang Blödorn

By GRR 0

Dieses Mal sollte alles besser werden! Das schlechte Abschneiden des DLVTeams bei den Olympischen Spielen von 2021 in Tokio und das bei den diesjährigen HallenWeltmeisterschaften in Belgrad sollte vergessen gemacht werden.

Hierfür hat der Deutsche LeichtathletikVerband viel Geld in die Hand genommen und mit über 80 nominierten Sportlerinnen und Sportlern ein sehr großes Team nach Eugene/Oregon zu den Weltmeisterschaften entsandt. Passend zu dieser großen Mannschaft war auch der Tross der Funktionäre, Betreuer und Trainer etc. entsprechend groß.

Um nicht missverstanden zu werden, als langjähriger Trainer auf den verschiedensten Ebenen der Leichtathletik, weiß ich um die pädagogische Bedeutung einer Teilnahme an Meisterschaften und deren Motivation für die sportliche Zukunft. Daher gönne ich jeder Athletin, jedem Athleten die Teilnahme an Meisterschaften von ganzem Herzen. Dies entbindet jedoch nicht von der
Feststellung, dass der DLV schließlich kein Reiseunternehmen, sondern eine Spitzenorganisation des Leistungssports ist.

Athlet:innen wollen sich bei Meisterschaften von ihrer besten Seite zeigen und geben dafür im Wettkampf alles. DLVCheftrainerin Anett Stein scheint mit ihrer Bemerkung, die Athlet:innen
hätten die Weltmeisterschaft nicht in den Fokus gesetzt, Chupze zu besitzen. Ihre Bemerkung gibt Raum zum Nachdenken über ihr Verständnis und ihr Verantwortungsbewusstsein als Cheftrainerin den Athlet:innen gegenüber. Schiebt sie doch die Verantwortung zum Versagen des DLVTEAMs anscheinend an die Athletinnen und Athleten weiter.

Im Vorfeld konnten sich Athletinnen und Athleten mit der Unterstützung des DLV im Ausland auf die internationalen Meisterschaften 2022 vorbereiten. Für eine optimale zeitliche und klimatische Anpassung an den Wettkampfhöhepunkt des Leichtathletikjahres wurde sogar ein Vorbereitungstrainingslager in Kalifornien bezogen. „Beste Bedingungen im PreCamp in Santa Barbara: DLVChefBundestrainerin Anett Stein zeigte sich nach der ersten Woche in Kalifornien sehr zufrieden mit dem Verlauf der WMVorbereitung auf Eugene“, schrieb die offizielle Homepage des DLV am 11. Juli 2022. „Wir haben hier ein optimales Setup gefunden“, sagte Stein.

Deshalb gab Stein als Ziel des DLVTeams für die WM auch aus: „Wir wollen natürlich mit vielen Bestleistungen, auch EndkampfPlatzierungen nach Hause fahren.“ Mit dieser Zielsetzung war sie sich mit dem DLVVorsitzenden CheikIdriss Goschinska einig. Doch die Erwartungen und Hoffnungen besaßen allem Anschein nach keine reale Basis.

Tab. 1: Die Entwicklung der Ergebnisse des DLVs in der Nationenwertung bei Weltmeisterschaften seit der deutschen Wiedervereinigung im Vergleich zu anderen europäischen Nationen

 

Die Tabelle 1 veranschaulicht, der Absturz des DLVs in der Nationenwertung auf Platz 14.

Dieser tiefe Fall ist nicht über Nacht gekommen, sondern hatte sich seit längerem angedeutet. Die hier zum Vergleich angeführten Nationen besitzen ähnliche sozioökonomische und politische Bedingungen. Deshalb darf man annehmen, dass Veränderungen in dem angeführten Zeitraum nicht hierauf zurückzuführen sind. Besondere, spezifisch nationale Strukturen hingegen bieten sich als Erklärung für das schlechteste Ergebnis seit der Wiedervereinigung an. Länder, wie z.B. Großbritannien, Niederlande oder Polen scheinen in der Auswahl von Talenten, deren sportliche Laufbahnberatung sowie ihre langfristig orientierte Leistungsentwicklung weiter zu sein als Deutschland. Sie haben den DLV in der Nationenwertung nicht nur eingeholt, sondern sogar deutlich überholt!

Diese Tatsache spricht gegen ein Einzelversagen. Vielmehr darf ein systemisches Versagen auf allen Ebenen des DLV angenommen werden.

Schon bei den vorangegangenen internationalen Meisterschaften zeichneten sich die erbrachten Leistungen der DLVAthletinnen und Athleten dadurch aus, dass sie beim Wettkampfhöhepunkt
nicht an ihre vorher erbrachten SaisonLeistungen bz. persönlichen Bestleistungen anknüpfen konnten. Da dies in der Breite der Leistungen zu beobachten war, dürfte die Begründung für
dieses Phänomen nicht bei den Athletinnen und Athleten zu suchen, sondern in der Jahresplanung der (Bundes)Trainer zu finden sein. Ihnen ist es in Zusammenhang mit den von
der DLVFührung vorgegebenen Nominierungskriterien und zeitpunkten nicht gelungen, den Leistungsaufbau des Jahres, die Periodisierung, optimal zu organisieren. Dies belegen die
nachfolgenden Tabellen, welche die Ergebnisse der Periodisierung nach Disziplinblöcken anführt.

Tab. 2: Erfolg der Periodisierung der Einzelstartenden bei den LeichtathletikWeltmeisterschaften 2022 vonEinzelstartenden im DLV nach Disziplinblöcken (ohne Staffeln) im Verhältnis zur SaisonBestleistung

Die negative Entwicklung im jährlichen Leistungsaufbau bei den DLV-Athletinnen und -Athleten zeichnete sich bereits nach der Hälfte der Weltmeisterschaften ab. Bis dahin hatte das DLV Team keine Platzierung unter den ersten Acht erzielt. Dennoch wartete die DLV-Cheftrainerin Anett Stein hoffnungsfroh mit „Vorfreude auf Highlights mit deutscher Beteiligung“ in der zweiten Hälfte der WM. Dies begründete Stein mit dem Hinweis: „Podiums- und Finalplatzierungen seien naturgemäß für Athlet:innen mit erfüllter Norm oder vorderen World-Ranking-Platzierungen wahrscheinlicher.“

Mit dem zehnten und letzten Tag der WM sollte sie teilweise recht bekommen. Betrachtet man die Tabellen 2 und 3 etwas genauer, dann ergibt sich das schon erwähnte systemische Versagen im Leistungsaufbau beim DLV. Bildet Tabelle 2 noch ein einigermaßen positives Bild mit 27 von 60 guten bzw. sehr guten Leistungen bei der Periodisierung des jährlichen Leistungsaufbaus ab, so sieht es in der Tabelle 3 deutlich schlechter aus. Hier weisen 38, d.h. Zweidrittel aller Athletinnen und Athleten, eine mangelhafte oder gar ungenügende Periodisierung nach. Wie in den Jahren vorher bei internationalen Meisterschaften auch hat dieses große Defizit in der Leistungssteuerung im DLV mit zum desaströsen Abschneiden in der Nationenwertung beigetragen.

Für die Leistungssteuerung allerdings sind i.d.R. nicht die Athletinnen und Athleten verantwortlich, sondern die Bundes- und Heimtrainer.

Bei den vorübergegangenen Weltmeisterschaften erzielten die Einzelstartenden für den DLV drei persönliche Bestleistungen und acht zusätzliche Saison-Bestleistungen. Nicht viele Athlet:innen
konnten die schon moderaten Leistungsanforderungen von Gonschinska und Stein vor der WM erfüllen. In der Erfüllung der DLV-Hoffnungen taten sich besonders die Frauen mit zwei
persönlichen Bestleistungen und sieben Saison-Bestleistungen hervor.
Der Hinweis auf Ausfälle im DLV-Team kann nur als eine schwache Ausrede gelten. Ausfälle gab es auch bei anderen Nationen. So konnte z.B. die 4×100 m-Staffel der Frauen die Verletzung einer Läuferin aus Großbritannien sogar zur Bronzemedaille nutzen! Mit dieser Anmerkung soll die Leistung des deutschen Quartetts keinesfalls geschmälert werden. Es wird lediglich darauf hingewiesen, dass Pech und Ausfälle alle Nationen trafen. Jaja, es ist wohl so: Der Erfolg hat viele
Väter und Mütter.

Der Misserfolg wird von Verantwortlichen gerne weggeredet. Ein wenig mehr Demut scheint für die DLV-Führungsspitze angebracht zu sein!

Zu einer anderen Thematik: Warum nominierte der DLV so großzügig? Von den endgültigen 60 Einzelstartenden hatten 34 weder 2002 die WMLeistungsnorm erbracht noch überhaupt mit ihrer persönlichen Bestleistung. Dies entspricht einer Quote von 56,7 Prozent nach laut Stein für unwahrscheinliche Erfolge! Für fünf Staffeln wurden zusätzlich 27 Läufer:innen nominiert, welche nicht im Einzel zum Einsatz kamen. Spukte etwa bei der Anzahl der Nominierungen die Hoffnung auf eine Chance für ein paar Extrapunkte für die zur Finanzierung des DLV notwendigen PotAsPunkte in Hinterköpfen der DLVVerantwortlichen?

Stein scheint allerdings in der Analyse des DLVScheiterns nicht ganz mit dem DLVVorstandsvorsitzende, CheikIdriss Gonschinska, über die Gründe des desolaten Abschneidens des DLVTeams übereinzustimmen. Die Versäumnisse sieht der DLVVorsitzende im Training, in der Wettkampfsteuerung, welche anderen Nationen anscheinend besser gelungen sei. Womit er wohl recht hat, wie Tabelle 2 und 3 belegen. Damit wären wir wieder bei der Periodisierung der sportlichen Leistung im DLV!

Auf der anderen Seite forderte Gonschinska im ZDFInterview mit Norbert König eine „schonungslose Analyse“. „Schonungslos“ kann nur bedeuten, in allen Ecken und Winkeln, auf
allen DLVEbenen wird jeder Stein ohne Ansehen der Person umgedreht. Dies bedeutet, auch die verantwortlichen Führungskräfte werden infrage gestellt werden müssen. Dies sind u.a. der
Vorsitzende der DLVKommission Leistungssport, CheikIdriss Gonschinska, und die DLVCheftrainerin mit ihren Bundestrainern. Man darf gespannt sein, ob dem DLVVorstand eine
Erneuerung aus sich selbst heraus gelingt und sich strukturell und personell umorganisiert oder ob apologetisches Verhalten die Oberhand behält.

Es ist gut vorstellbar, dass der DLVVorstand Unterstützung und Hilfe von außen benötigt. Hier wäre an vorderster Stelle das Präsidium als „Aufsichtsrat“ des hauptamtlichen DLVVorstandes verantwortlich. Unterstützung sollte er für eine strukturelle und personelle Reform bei den Printund elektronischen Medien finden. Es hat sich gezeigt, dass Geschwurbel und Schönrederei die Leistung in der Sache nicht ersetzen können. Die Medien sind aufgefordert nach dem schlechtesten Abschneiden einer DLVMannschaft bei Weltmeisterschaften seit der Wiedervereinigung nicht mehr wegzusehen, sondern immer wieder kritisch nachzubohren. Die deutsche Leichtathletik und die darin ihren Sport Betreibenden sind es mehr als wert!

Fazit: Bereits das schlechte Abschneiden der deutschen Leichtathleten bei den Olympischen Spielen in Tokio im vergangenen Jahr hat zu einer intensiven Diskussion über die Entwicklung des
Deutschen LeichtathletikVerbandes (DLV) unter Fachleuten geführt.

Sie blieb allerdings in den Print und elektronischen Medien weitgehend unbemerkt. Dies könnte sich jetzt mit dem Abschneiden der Sprinter, Läufer, Springer, Werfer und Mehrkämpfer bei den gerade zu Ende gegangenen Weltmeisterschaften der Leichtathletik in Eugene/Oregon ändern. Mit Platz 14 in der Nationenwertung wurde das weitaus schlechteste Mannschaftsergebnis seit über dreißig Jahren erzielt. Nur eine Einzelmedaille allerdings in Gold und eine glückliche BronzeMedaille in der Staffel stehen zu Buche. Die Mannschaftsleistung des DLV hat einen sehr tiefen Fall von Platz drei bei den Weltmeisterschaften 1991 bei der diesjährigen WMNationenwertung vollzogen! Damit scheint die zukünftige Finanzierung des DLVs in der Zukunft ernsthaft bedroht zu sein.

München wird zeigen, ob die deutsche Leichtathletik zumindest noch europäische Spitze ist. München wird zeigen, ob der DLV zumindest etwas an internationaler Reputation zurückgewinnen
kann. München wird zeigen, ob der zu befürchtende finanzielle Crash des DLVs abgemildert werden kann. Der Druck auf die Athlet:innen und die Trainer sowie Funktionäre ist jedenfalls mit dem desolaten Abschneiden bei der WM gestiegen. Halten sie dem Druck im Kessel stand?

Bei Betrachtung der Einzelplatzierungen der für Deutschland gestarteten Athlet:innen bei der WM im Vergleich zu den anderen europäischen Nationen könnten Zweifel aufkommen. Die Hoffnung stirbt aber bekanntlich zuletzt!

Dr. Wolfgang Blödorn

Deutsches Leichtathletik-Team WM Oregon22: Schonungslose Analyse angekündigt – Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Quo vadis deutsche Leichtathletik? Dramatischer Schwund auf allen Ebenen – Kurt Ring bei LG Telis Finanz Regensburg

DER DLV AUF DEM WEG ZUM SCHEINRIESEN? Dr. Wolfgang Blödorn

 

Die Finals Berlin 2022: Leichtathletik im leeren Olympiastadion – „Chance verpasst“ – Ein Kommentar von Horst Milde

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