Uwe Hohn

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Hohn

Countdown zur Leichtathletik-WM: Noch 26 Tage – Ein Weltrekord für die Ewigkeit – Jochen Frank in der Berliner Morgenpost

Die Minuten nach dem Rekordwurf vor 21 000 Zuschauern waren kurios, da der Weltrekord mit den fünf Ziffern nicht auf die Anzeigetafel passte. Der Berliner Schriftsteller Thomas Brussig sagt, wie dankbar er dem Platzwart noch heute sei, \“dass er nicht im Stile von Wir-sind-auf-alles-vorbereitet und in Erwartung des Hundertmeterwurfes eine fünfstellige Anzeigetafel herbei schaffte.\“

Die Erinnerung an den Rekordwurf von Uwe Hohn ist noch frisch. So sagt der legendäre Sportreporter Heins Florian Oertel: „Ich sehe die Anlage vor mir, seinen Anlauf und wie der Speer jenseits der Markierung landet.
Ein ungewöhnlicher Wurf mit ungewöhnlicher Weite.“

Und Manfred Blessin aus Stralsund, heute vor 25 Jahren Kampfrichter beim XXII. Olympischen Tag im Jahn-Sportpark, entsinnt sich: „Wir haben gedacht, der Speer kommt nie wieder runter.“ Kam er dann aber doch, nach 104,80 Metern bohrte sich die Spitze in den Rasen. Hohn riss die Arme hoch. Als erster und bisher einziger Athlet hatte der Potsdamer, damals gerade 22 Jahre jung, den Speer über 100 Meter geworfen.

Ein Weltrekord für die Ewigkeit.

Für Hohn selbst ist dieser Tag heute „ein Tag wie jeder andere“. Vermutungen, der 20. Juli könne bei seiner Familie in Potsdam Anlass zu knallenden Sektkorken geben, weist er zurück. Den großen Wirbel um sich und um seine Bestmarke vor 25 Jahren in Berlin mochte er nie. Damals nicht und heute nicht.

Die Minuten nach dem Rekordwurf vor 21 000 Zuschauern waren kurios, da der Weltrekord mit den fünf Ziffern nicht auf die Anzeigetafel passte. Der Berliner Schriftsteller Thomas Brussig sagt, wie dankbar er dem Platzwart noch heute sei, „dass er nicht im Stile von Wir-sind-auf-alles-vorbereitet und in Erwartung des Hundertmeterwurfes eine fünfstellige Anzeigetafel herbei schaffte.“

Vergebens bemühte sich damals ein Kampfrichter, der Würde des historischen Ereignisses gerecht zu werden und die exakt vermessene Weite von 104,80 Meter auf die Tafel zu bringen, die nur vierstellige Zahlen erlaubte. Letztlich entschied er sich für die Variante „04,80“. Das Foto mit der nachsichtig lächelnden Hauptperson vor der Tafel ging um die Welt.

Die Begeisterung über den Rekordwurf wurde durch die besorgte Frage der Fachwelt gedämpft, ob die Stadien nicht zu klein geworden seien. Hohns Speer war über die gesamte Länge des Fußballfeldes gesegelt und nur wenige Meter von der Anlage der Stabhochspringer entfernt gelandet. Daraufhin beschloss der Weltverband IAAF, den Schwerpunkt des Gerätes um vier Zentimeter nach vorn zu verlegen. Seit April 1986 werden nur noch Weiten mit dem neuen Speer anerkannt.

Durch den Boykott der DDR konnte Uwe Hohn kurz nach seinem Weltrekordwurf nicht an den olympischen Sommerspielen in Los Angeles teilnehmen. Mit einem Sieg beim Weltcup in Canberra (96,96 m) beendete Hohn 1985 seine sportliche Laufbahn. „Viel zu früh“, bedauert er noch heute. Doch seine gesundheitlichen Probleme hatten sich dermaßen verschärft und insgesamt vier Operationen notwendig gemacht. Durch eine Versteifung der Wirbelsäule ist er nach wie vor sehr eingeschränkt. Mit dem Handicap müsse er leben, sagt er. Olympia hat er im vergangenen Jahr doch noch erleben können – als Trainer.

Zurzeit nimmt ihn der Umbau des Hauses, in dem auch seine beiden Kinder, Marie-Christin (24) und Paul (20), leben, sehr in Anspruch. Aber selbstverständlich will er im Berliner Olympiastadion sein, wenn „die WM vor der Haustür stattfindet“.

Zum Abschluss der Titelkämpfe wird am 23. August der Weltmeister im Speerwurf gekürt. „Siebenundachtzig, achtundachtzig Meter könnten reichen, um aufs Podium zu kommen“, vermutet Hohn. Dass in diesem Jahr mit dem Letten Vasilevskis (90,71) erst ein Werfer die 90-Meter-Marke geknackt hat, hält er nicht für ungewöhnlich. „Im vergangenen Jahr mussten wir bis zu den Olympischen Spielen auf den ersten Neunziger warten.“

Der deutschen Hoffnung, Mark Frank, traut Hohn in Berlin einiges zu, „wenn er gesund bleibt und noch zwei, drei Meter in petto hat“.

Jochen Frank in der Berliner Morgenpost, Montag, dem 20. Juli 2009