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    John Woodruff – Olympiasieger über 800 m bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 bei der Siegerehrung © Sportmuseum Berlin – Forum für Sportgeschichte
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Ein Leben zwischen Jubel und Rassismus – John Woodruff, der letzte Leichtathletik-Olympiasieger der Olympischen Spiele in Berlin 1936 verstarb – Gustav Schwenk in leichtathletik am 6. November 2007

Der rund 20 Meter hohe Baum erinnerte an den größten Tag eines außerordentlichen Mannes. Nachdem John Woodruff im Alter von 21 Jahren bei den Olymischen Spielen 1936 in Berlin mit einem vielbeschriebenen Endspurt den 800 Meter-Lauf für sich entschieden hatte, war ihm bei der Siegerehrung wie allen anderen Goldmedaillengewinnern ein kleines Eichbäumchen überreicht worden.

Der Wunsch, 100 Jahre alt zu werden, blieb ihm verwehrt. Am 30. Oktober verstarb mit John Woodruff der letzte Leichtathletik-Olympiasieger der Olympischen Spiele in Berlin 1936 im Alter von 92 Jahren. Der US-Amerikaner hat ein bewegtes Leben hinter sich – vom gefeierten Olympiasieger bis hin zum Opfer rassistischer Entscheidungen.

In der Nähe einer mächtigen Eiche am Rande des Football-Stadions von Connellsville, Fayette County (US-Bundesstaat Pennsylvania), fand am vergangenen Samstag eine bewegende Trauerfeier statt. Ehefrau Rose und ihre Familie nahmen gemeinsam mit Freunden einen ungewöhnlichen Abschied von John Youie Woodruff. Der US-Amerikaner, der alle anderen Olympiasieger von Berlin 1936 in den Einzelwettbewerben der Leichtathletik überlebt hatte, war am 30. Oktober in einem Pflegeheim in Fountains Hills im US-Bundesstaat Arizona im Alter von 92 Jahren gestorben.

Baum mit Erinnerungswert

Der rund 20 Meter hohe Baum erinnerte an den größten Tag eines außerordentlichen Mannes. Nachdem John Woodruff im Alter von 21 Jahren bei den Olymischen Spielen 1936 in Berlin mit einem vielbeschriebenen Endspurt den 800 Meter-Lauf für sich entschieden hatte, war ihm bei der Siegerehrung wie allen anderen Goldmedaillengewinnern ein kleines Eichbäumchen überreicht worden.

Der Enkel eines Sklaven ließ es dort aufstellen, wo er als einer von nur vier dunkelhäutigen Jungen seine Karriere begonnen hatte: an der High School in der kleinen Stadt Connellsville. Im Gegensatz zu vielen anderen dieser Eichen hat der „Woodruff-Baum“ über sieben Jahrzehnte überstanden – wie übrigens auch zwei der Bäumchen, die Jesse Owens für seinen vierfachen Triumph erhalten hatte. Der US-Amerikaner hatte mit seinen Sieger über 100 Meter, 200 Meter, im Weitsprung und mit der 4×100-Meter-Staffel als erster Leichtathlet viermal Gold bei Olympischen Spielen gewonnen.

Falsche Legende

In manchem Nachruf in US-Zeitungen heißt es, dass John Woodruff am 4. August noch vor dem 100-Meter-Triumph von Jesse Owens vom selben Tag den ersten von acht Leichtathletik-Olympiasiegen für schwarze US-Amerikaner errungen habe. Das ist eine der vielen falschen Legenden, die über die Berliner Spiele immer wieder aufgetischt werden. Schon 48 Stunden zuvor hatte Hitler in der „Führerloge“ erleben müssen, wie gleich am ersten Leichtathletik-Tag im Hochsprung Gold und Silber an zwei Afro-Amerikaner gegangen waren:
An Cornelius Johnson und Dave Albritton, die damals mit 2,07 Metern gemeinsam den Weltrekord hielten.

Kampf gegen den Rassismus

John Woodruff, eines von zwölf Kindern eines Glasfabrikarbeiters und einer Waschfrau, bekam selbst noch als Olympiasieger die Auswirkungen des Rassismus zu spüren. Ein Jahr nachdem ihm in seinem Heimatort als Lohn für den eher überraschenden Olympiasieg ein großer Empfang bereitet worden war, musste er als Student der University of Pittsburgh erleben, dass die Leichtathletik-Mannschaft seiner Hochschule ohne ihn zu einem Meeting bei der Marine-Akademie reiste. Aus Annapolis war mitgeteilt worden:
„Für Schwarze haben wir keine Quartiere.“

Zwei Tage, nachdem er am 17. Juli 1937 in Dallas (US-Bundesstaat Texas) mit seiner Zeit von 1:47,8 Minuten für einen neuen Weltrekord über 800 Meter gefeiert worden war, gaben Offizielle der Amateur Athletic Union bekannt: „Nachmessungen der Bahn ergaben, dass nur 798,48 Meter zurückgelegt wurden.“ Zeit seines Lebens hat der in allen Rennen nach dem Olympiasieg bis hin zum Abschied von der Leichtathletik im Sommer 1940 unbesiegte Ausnahmeläufer behauptet: „Man gönnte einem schwarzen Mann nicht den Weltrekord.“

Lebensmut im Rollstuhl 

Nachdem der für seinen ungewöhnlich langen Schritt bekannte Olympiasieger an der University of Pittsburgh und an der New York University sein Soziologie-Studium mit Examen beendet hatte, machte er im Zweiten Weltkrieg und im Korea-Krieg eine für einen Schwarzen ziemlich ungewöhnliche große Karriere als Offizier bei der Army. 1957 nahm er seinen Abschied als Oberstleutnant.

Nachdem er daraufhin jahrelang in New York in verschiedenen Jobs vor allem für den Sport und die Jugend gearbeitet hatte, zog er sich 2000 mit seiner zweiten Frau nach Arizona zurück. Wegen starker Diabetes und Durchblutungsstörungen mussten ihm im Jahr 2003 beide Beine amputiert werden. Aber auch im Rollstuhl verlor John Woodruff nicht seinen Lebensmut.
„Ich will 100 Jahre alt werden“, sagte er Gratulanten am Tag der Vollendung des 90. Lebensjahres am 5. Juli 2005. „Long John“, wie er während seiner Karriere auch genannt wurde, hat viel erreicht in seinem Leben. Doch dieser Wunsch wurde ihm nicht erfüllt.

Gustav Schwenk
Erschienen in der Fachzeitschrift leichtathletik am 6. November 2007