Sigrun Wodars / Christine Wachtel
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Sigrun Wodars

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  • Sigrun Wodars (r) gewinnt das 800-Meter-Finale der Damen vor ihrer Landsfrau Christine Wachtel (2.v.l.) und Gurina Liubow (3. v.l.) aus der UdSSR bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften am 31.08.1987 in Rom. Ana Quirot (CUB) -ganz lks-. wird Vierte in 1:55,84

    Sigrun Wodars (r) gewinnt das 800-Meter-Finale der Damen vor ihrer Landsfrau Christine Wachtel (2.v.l.) und Gurina Liubow (3. v.l.) aus der UdSSR bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften am 31.08.1987 in Rom. Ana Quirot (CUB) -ganz lks-. wird Vierte in 1:55,84 © dpa Picture-Alliance GmbH
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Karrieren, Glasnost, Kollektive – Robert Hartmann schreibt über die 800 m, 1500 m und 3000 m der Frauen in Rom 1987 – Wodars und Wachtel mit Gold und Silber über 800 m – Körner Zweite über 1500 m – Ulrike Bruns Dritte über 3000 m – Der läuferische Rückblick – Teil III

Eine Zweier-Kombine der DDR mit hundertprozentiger Erfolgsquote wurde über 800 Meter planmäßig abgewickelt.Am 15. August beginnen die 12. Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin. Es ist das größte Sportereignis auf deutschem Boden in diesem Jahr und der Saisonhöhepunkt eines Sports, der die Extreme bündelt. Die Leichtathletik mit ihren 47 Disziplinen gilt immer noch als der wichtigste Kernsport des olympischen Programms. Kein anderer Sport bringt Sieger aus so vielen verschiedenen Ländern hervor wie sie. Andererseits leidet sie besonders unter den Phänomenen der Moderne wie Kommerzialisierung oder Doping. German Road Races (GRR) wird in loser Reihenfolge über einigeehemalige  Aushängeschilder der deutschen Leichtathletik berichten, um „Appetit“ auf die 12. IAAF Weltmeisterschaften der Leichtathletik zu machen!

Hinter dem kleinen Tunnel, der vom Innenraum nach außen zur Rückseite der Tribüne führt, ist im Olympiastadion ein ruhiger leerer Winkel ausgespart. Jemand hatte einen Stuhl aufgetrieben, und auf dem saß jetzt am Samstagabend Cornelia Bürki. Sie erzählte von dem 1500-m-Finale, in dem sie Fünfte geworden war, nur vier Tage nach ihrem vierten Platz über 3000 Meter.

Die Schweizer Medien hatten diesen Rang als die beste Leistung einer der Ihren überhaupt herausgestellt. Kleine Länder würdigen bemerkenswerte Taten leichteren Herzens als die großen.
Die helvetischen Journalisten umringten sie, als plötzlich das Reden und Lauschen unterbrochen wird. Ihre Zeit ist drinnen auf der Anzeigetafel bekanntgemacht worden, und ein Nachzügler eilt mit ihr herbei. »3:59,90 sind Sie gelaufen.«, ruft er. »Was?« Doch! »Wirklich?« Ein zweiter bestätigt es. »Ja?« Danach schlägt sie die Hände vors Gesicht und beugt sich tief nach vorn.

Wovor beugt sie sich? Nach 14 Jahren hat sie ihr persönliches, im Sport gesuchtes Ziel gefunden. Mit 34 erfüllt man sich noch solche dreidimensionalen Träume, wenn man nur nicht nachläßt. Sie weiß, daß sie hier sitzt, um ein Interview zu geben. Deshalb richtet sie sich wieder auf. Aber nicht für lange. »Sie müssen entschuldigen«, sagt sie, ehe sie wieder hinter ihren Händen verschwindet. Es ist ein grandios intimes Schauspiel.

In den vergangenen Jahren war der Hochleistungssport ihr auch Therapie gewesen. Seit einem Autounfall ist eine ihrer beiden Töchter schwer behindert. Das Haus, das sie über dem Zürichsee bauten, ist rollstuhlgerecht. Nachdem das Schreckliche geschehen war, rieten ihr die Ärzte, sie dürfe sich nicht verkriechen. Nur ja nicht! In der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften zog sie zum ersten Mal in ein Höhentrainingslager nach St. Moritz aus, weil die Sporthilfe eine Haushaltshilfe bezahlte. Für drei Wochen.

Darf Cornelia Bürki die bemerkenswerteste Frau unter den in Rom versammelten Leichtathletinnen genannt werden? Oder war das gar eine zweite Schweizer Mittelstrecklerin, Sandra Gasser? 1986: die 101. der 1500-m-Welt mit 4:12,07 Minuten. 1987: WM-Bronze für die Bernerin in der nationalen Rekordzeit von 3:59,06. Doch den Schweizern blieben kaum drei Wochen Zeit, sich über die einzige Medaille zu freuen, welche die Läuferinnen des Ostblocks auf den Distanzen 800, 1500 und 3000 Meter herausgerückt hatten, da erschütterte eine Nachricht aus dem römischen Dopinginstitut das alpenländische Land:

Positiver Befund bei der Analyse des Urins der Sandra Gasser, erhebliche Mengen des anabolen Steroids Methyltestosteron bei der ersten Probe gleich nach dem Finalrennen am 5. September, ein stark nach unten abweichendes Steroid-Profil bei der notwendigen Gegenprobe am 23. September.

»Der tiefe Fall – und nicht nur für Sandra Gasser«, klagt der »Sport«, »die bitterste Stunde der Schweizer Leichtathletik«. Was half es da, daß die Betroffene versicherte, unschuldig zu sein: »Ich weiß, daß ich keine verbotenen Substanzen zu mir genommen habe. Das gibt mir die Kraft, alles zu tun, damit dieser Fall gelöst werden kann.« Was half es da, daß sich Sandra Gasser am 15. September in Köln einer freiwilligen Kontrolle unterzog – und natürlich »negativ« war wie bei drei internationalen Kontrollen vor Rom?

Das Urteil fiel hart aus, aber den Regeln entsprechend: Zwei Jahre Sperre für Sandra Gasser. »Wenn der Zufall oder eine Manipulation jetzt meine Karriere stoppt, dann sehe ich keinen Sinn darin, in zwei Jahren wieder zu beginnen«, überlegte die deprimierte Schweizerin.

Eine Doppelsiegerin auf den Mittelstrecken »mit diskretem Charme und grünen Augen« (»L’Equipe«) war Tatjana Samolenko aus der Sowjetunion. Sie sagte nicht viel während der Pressekonferenzen, doch ihr Aussehen und die Art, wie sie antwortete, waren vielsagend, und so, wie sie gelaufen war, hatte sie auch schon alles gesagt. Sie wurde auf den 1500 und 3000 Metern die Nachfolgerin der Amerikanerin Mary Decker, die wegen einer Verletzung fehlte, ein unverhoffter Gewinn nach der Ära der ausgemergelten sowjetischen Läuferinnen. So lange hatten sich deswegen hartnäckige Doping-Gerüchte gehalten.

»Glasnost«, Offenheit, die Handlungsanleitung von Generalsekretar Michail Gorbatschow, auch in der sowjetischen Frauenleichtathletik? Sie hat ihre Gesichter wiedergefunden.

Ludmilla Samolenko gefiel durch ihr entspanntes Laufen. Der Erfolg auf der längeren Distanz fiel ihr leichter als auf der kürzeren. Dort praktizierten nämlich die drei ostdeutschen Läuferinnen, was ihre politischen Ziehväter als wichtige Errungenschaft aus der UdSSR mit in die DDR gebracht hatten. Ein Kollektiv. Die Beste, die Erfurterin Hildegard Körner, bezeugte es im (Ost)»Deutschen Sportecho«. »Unsere Taktik sah vor«, berichtete sie, »die Chance der guten Spurterinnen aus Rumänien und der UdSSR mit hohem Tempo von Anfang an einzuschränken.«

Sie schickten Ulrike Bruns vor, die Dritte über 3000 Meter geworden war, und sie bolzte Tempo bis 1180 Meter. Dann übernahm Hildegard Körner für eine lange und harte Schlußoffensive, im Schlepp Andrea Lange, die mit 21 als Jüngste im Bunde aus allen Händeln bis zur Zielgeraden herausgehalten wurde. Das hochtalentierte Nesthäkchen hielt allerdings noch nicht durch, und die Erfurterin sah sich nach 1470 Meter geschlagen.

Sandra Gasser sagte es mit Bedacht. »Ich möchte nicht das Opfer sein.« Das Opfer der Kollektivierung. Der Sieg für den Staat ist das wichtigste. Wer ihn erläuft, ist gleichgültig. Der Staat gibt, und er nimmt.

Eine Zweier-Kombine der DDR mit hundertprozentiger Erfolgsquote wurde über 800 Meter planmäßig abgewickelt. Dabei hatten die ostdeutschen Läuferinnen darauf zu achten, daß sie die noch unerfahrene Kubanerin Ana Fidelia Quirot, zweifellos die Talentierteste und Schnellste im Achterfeld, von der Innenbahn fernhielten. Christine Wachtel drückte sie auf den letzten hundert Metern sogar bis zur dritten Bahn hinaus, auf der sie schließlich »verhungerte«.

Das Lehrstück hieß: Sozialistischer Wettbewerb unter verschärften Bedingungen.
Den kürzesten Weg legte die innen gebliebene Sigrun Wodars zurück, und sie gewann auch in der Jahresweltbestzeit von 1:55,26 Minuten, sechs Hundertstel vor ihrer Vereinskameradin vom SC Neubrandenburg. Die hatte sie vorher daheim jedes Mal besiegt, bei fünf Gelegenheiten. In Rom reichte nach der Schwerstarbeit die Kraft nicht mehr aus.

Wodars oder Wachtel? Die Reihenfolge ist beliebig. Melden gehorsam: Auftrag erfüllt.    

Robert Hartmann – Die II. Leichtathletik-Weltmeisterschaft in  Rom –  29. August – 6. September 1987

800 m (31.09.1987): 1. Sigrun Wodars (DDR) 1:55,26 – 2. Christine Wachtel (DDR) 1:55,32 – 3. Ljubov Gurina (URS) 1:55,56 – 4. Ana Quirot (CUB) 1:55,84 – 5. Jarmila Kratochvilova (TCH) 1:57,81 – 6. Mitica Junghiatu (ROM) 1:59,66 – 7. Nadeshda Olizarenko (URS) – 8. Slobodanka Colovic (YUG) 2:02,,09 – DLV nicht vertreten –

1500 m (5.09.1987): 1. Tatjana Samolenko (URS) 3:58,56 – 2. Hildegard Körner (DDR) 3:58,67 – 3. Doina Melinte (ROM) 3:59,27 – 4. Cornelia Bürki (SUI) 3:59,90 – 5. Andrea Lange (DDR) 4:00,63 – 6. Kirsty Wade (GBR) 4:01,41 – 7. Diana Richburg (USA) 4:01,79 – 8. Elly van Hulst (HOL) 4:03,63 – Brigitte Kraus (D) 7. VL 4:07,63 – Vera Michallek (D) 6. VL 4:09,89

3000 m (1.09.1987): 1. Tatjana Samolenko (URS) 8:38,73 – 2. Maricia Puica (ROM) 8:39,45 – 3. Ulrike Bruns (DDR) 8:40,30 – 4. Cornelia Bürki (SUI) 8:40,31 – 5. Elena Romanova (URS) 8:41,33 – 6. Elly van Hulst (HOL)  8:42,56 – 7. Yvonne Murray (GBR) 8:43,94 – 8. Wendy Sly (GBR) 8:45,85 … 11. Vera Michallek (D) 8:55,16 – Vera Michallek 6. VL 8:49,61

Die I. Weltmeisterschaften der Leichtathletik in Helsinki 1983 – Robert Hartmann schreibt über die 5.000 und 10.000 m  – Werner Schildhauer zweimal Zweiter – Thomas Wessinghage wird Sechster – Der läuferische Rückblick – Teil II

Die I. Weltmeisterschaften der Leichtathletik in Helsinki 1983 – Robert Hartmann schreibt über die 5.000 und 10.000 m  – Werner Schildhauer zweimal Zweiter – Thomas Wessinghage wird Sechster – Der läuferische Rückblick – Teil II

PATRIZ ILG – Am Anfang der Zukunft – Michael Gernandt in der Süddeutschen Zeitung – PATRIZ  ILG 1983 erster Weltmeister im Hindernislauf – Ein läuferischer Rückblick – Teil I.

PATRIZ ILG – Am Anfang der Zukunft – Michael Gernandt – Ein läuferischer Rückblick – Teil I.