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    Jesse Owens im Berliner Olympiastadion 1951 © Bildarchiv Heinrich von der Becke im Sportmuseum Berlin – AIMS Marathon-Museum of Running
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Olympiastadion Berlin – Das Stadion des Jesse Owens – Michael Reinsch, Berlin, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Eines ihrer Gesichter ist, zum Glück, Jesse Owens.

11. August 2009 Als Marlene Dortch, eine Rechtsanwältin im Staatsdienst, zu Hause in Fort Washington erzählte, dass sie und ihr Mann in diesen Tagen nach Berlin fliegen würden, musste sie verraten, warum: Sie wird eine Siegerehrung bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften vornehmen. Sie ist eine Enkelin von Jesse Owens.

„Die Nachbarin war total aufgeregt, als sie das erfuhr“, erzählt Marlene Dortch, eine Tochter von Jesse Owens’ erster Tochter Gloria. Bis heute, mehr als ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod, wird sie immer noch überrascht vom Ruhm ihres Großvaters. „Ich wusste, dass er berühmt war. Aber ich wusste nicht, dass er eine solche Ikone ist. Für uns Kinder war er vor allem Opa.“

Die 44 Jahre alte Marlene Dortch lernte Jesse Owens als Familienmenschen kennen. Dass seine vier Olympiasiege von Berlin 1936 – über 100 und 200 Meter, im Weitsprung und mit der Sprintstaffel – den Wahnsinn von der Überlegenheit einer arischen Rasse lächerlich machten, dass sein Erfolg und seine Beliebtheit halfen, auch amerikanischen Rassismus offenkundig zu machen und zu überwinden, lernte sie in der Schule.

„Das Olympiastadion ist auch ein amerikanisches Stadion“ – Ehrung durch die Siegerehrung: Marlene Dortch, Jesse Owens‘ Enkeltochter, kommt zur WM nach Berlin

Doug Logan, der Generalsekretär des amerikanischen Verbandes, nennt die Teilnahme von Marlene Dortch an der Siegerehrung im Weitsprung „einen außerordentlichen Tribut an die Wurzeln der amerikanischen Leichtathletik“.

Owens ließ sich zwischen zwei Sprüngen von seinem deutschen Konkurrenten Luz Long den entscheidenden Rat für den Sieg geben; die Freundschaft des blonden Deutschen und des schwarzen Amerikaners, die mitten in der olympischen Propaganda-Inszenierung der Nationalsozialisten entstand, ist bis heute Gegenstand Dutzender von Büchern – und ein Beispiel für den Sport in aller Welt, sagt Logan.

Deshalb werden die 136 amerikanischen Athleten, unter ihnen acht Titelverteidiger, bei der WM die Initialen von Jesse Owens auf ihren Trikots tragen. Nach 73 Jahren kehrt das amerikanische Team, davon sind alle seine Mitglieder überzeugt, endlich zurück nach Berlin. „In diesem Sinne“, sagt Benita Fitzgerald, die Leistungssportdirektorin des Verbandes, „ist das Olympiastadion auch ein amerikanisches Stadion.“

Auch mit diesem Blick dekontaminiert der Sport das steinerne Oval im Westen Berlins, das Hitler für seinen Kult vom Sport als Vorbereitung des Krieges bauen und inszenieren ließ. Die Modernisierung der Arena für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ließ eine gewaltige Achse des Bösen unberührt, die Berlin praktisch vor das Stadion legt und die zuläuft auf den Glockenturm, das Symbol von Führer und Herrschaft.

Der Schlitz im Flachdach des Stadions ist deshalb nicht nur eine architektonische Geste, sondern auch Ausdruck historischer Wahrhaftigkeit.

Er ermöglicht den Blick durchs sogenannte Marathontor, wo das olympische Feuer brannte, über die riesige Aufmarschfläche Maifeld zu dem Turm, der einst die sogenannte Führerkanzel trug, nach dem Krieg beschädigt, gesprengt und auf Kosten der Bundesregierung 1961 wieder aufgebaut wurde.

Unbelehrbarer Carl Diem


Während im Stadion die Loge Hitlers verschwand 
und der Sport- und Unterhaltungsbetrieb des geteilten Nachkriegsdeutschlands den Nachhall des nationalistischen Getöses, die Monumentalarchitektur und deren Ausstattung mit Kriegern und Übermenschen übertönte, verständigten sich der Architekt des Stadions, Werner March, und der Sportfunktionär Carl Diem darauf, beim Neubau des Glockenturmes die Langemarck-Halle originalgetreu wiederherzustellen.

Volker Kluge belegt in seinem Buch „Olympiastadion Berlin“ (Verlag das Neue Berlin), wie die Bauverwaltung die gruselig tempelartige Halle, die dem Tod auf dem Schlachtfeld huldigt und in einem Schrein Erde mit dem Blut von Regimentern gefallener junger Männer barg, „ganz still und leise“ wiederherstellen ließ. „Es wäre doch idiotisch, wenn man den Raum als solchen schüfe und ihm nicht den alten Sinn gäbe“, schrieb Diem.

Er war offenbar unbelehrbar. In den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges hatte er Kinder und Jugendliche zu einer sinnlosen Verteidigung des Olympiastadions angefeuert in genau diesem Geiste. „Schön ist der Tod, wenn der edle Krieger für das Vaterland fällt“ zitierte ihn der einstige ZDF-Chefredakteur Reinhard Appel, der als Sechzehnjähriger dabei war.

„Blue note“ Laufbahn

Seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 gibt es endlich eine Ausstellung, die diesen Raum und seine Rolle erklärt. Auf der anderen Seite gibt die blaue Bahn, deren Farbe ursprünglich ein Zugeständnis an den Fußballballverein Hertha BSC ist, dem Stadion einen jazzigen Ton, eine „blue note“ gewissermaßen.

Der Gebrauch der Anlage, ihre regelmäßige Belebung durch Bundesligafußball mit seinen Multikulti-Ensembles, durch Riesenkonzerte und nicht zuletzt die bevorstehenden neun Tage der Leichtathletik-Weltmeisterschaften machen die Vergangenheit dieser Anlage gewiss nicht vergessen. Doch sie lassen sie, mit neuem Klang und bunten Farben, verblassen.

Für eine richtige Eröffnung fehlten Geld und Zeit: Die Ausstellung über Jesse Owens im „Haus des Sports”

Umso wichtiger, dass sich auch Deutsche an Jesse Owens erinnern. Kurzfristig und ohne Unterstützung aus dem Kulturfonds der Bundesregierung hat das Berliner Sportmuseum eine kleine Ausstellung über Owens in den Lichthof des historischen „Hauses des Sports“ hinter dem Olympiastadion gestellt. Nicht einmal für eine richtige Eröffnung reichten Zeit und Budget.

Dafür dürften die Exponate, die Owens im Sprung, im Lauf und im Gespräch zeigen, außer dass sie reichlich amerikanische Leichtathleten anziehen werden, die Organisatoren der WM auf ihrem Weg in ihre Büros in dem Gebäude stets an etwas erinnern, das sie vergessen hatten:

Sport hat, zumal in Berlin, eine Geschichte. Eines ihrer Gesichter ist, zum Glück, Jesse Owens.

Michael Reinsch, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Dienstag, dem 11. August 2009